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ÖKOWELLE AN US-UNIS

 
 


27. Oktober 2008, 13:27 Uhr

Duschen mit Stoppuhr

von Gregor Peter Schmitz

Der American Way of Life ist traditionell verschwenderisch. An den Unis aber gilt: Green is beautiful. Viele Studenten stellen Europas Ökos der Achtziger in den Schatten. Sie wohnen im Halbdunkel, frieren mit Wonne, gehen ungeduscht ins Seminar – alles der Umwelt zuliebe.

Bei den Kronleuchtern im ehrwürdigen Speisesaal war es einigen Kommilitonen dann doch genug. Mit Energiesparlampen verbrauchten die zwar viel weniger Strom – aber sie tauchten die Esstische im Eliot House, einem Studentenwohnheim der Harvard University, ins Halbdunkel. Über den E-Mail-Verteiler des Wohnheims wogte der Streit übers Licht hin und her.


Leben in der Öko-Versuchsanstalt: US-Studenten und ihr "SEED"-Projekt

Der Umwelt helfen wollten eigentlich alle, die mitdiskutierten – aber ihr Essen auf dem Teller erkennen wollten sie auch. "Dann haben wir schließlich eine Ausnahme gemacht und die alten Birnen wieder eingesetzt", seufzt Brandon Geller.

Solche Ausnahmen sind dem 23-jährigen Biochemiker eigentlich zuwider. Geller arbeitet für die Harvard Green Campus Initiative. Der drahtige Ökobeauftragte trägt ein grünes Recycling-Zeichen als Abziehtattoo auf dem Arm, um ihn herum liegen Broschüren mit vielen Ausrufezeichen: "Setz deinen Computer auf Diät!", "Dreh die Heizung in deinem Raum runter!", "Fahr mit Bus und Bahn!"

Unamerikanische Umtriebe: Studenten finden Öko schick

Harvard wäre nicht Harvard, wenn die Vorzeige-Uni an der Ostküste nicht auch bei einer Bewegung vorn liegen wollte, die derzeit Studenten in ganz Nordamerika umtreibt: beim Umweltschutz.

Während im US-Präsidentschaftswahlkampf Pluspunkte sammelt, wer im kostbaren Alaska nach Öl bohren will, während das Weiße Haus trotz steigender Rohstoffpreise den verschwenderischen American Way of Life propagiert, finden die Studenten Öko schick.

Mehr als 470 Unis in den USA haben sich schon zur CO2-Neutralität verpflichtet. Gerade hat Harvards Universitätspräsidentin angekündigt, sie werde die Treibhausgasemissionen der Hochschule um 30 Prozent reduzieren – in einem Referendum hatten fast 90 Prozent der Studenten dafür gestimmt.

An der University of Washington in Seattle fahren Studenten wie Professoren längst Wasserstoff-Autos. Die Pennsylvania State University deckt 27 Prozent ihres Stromverbrauchs mit Windkraft. In Vermont kompostiert das kleine Middlebury College seinen gesamten Speisesaalabfall und eröffnet im Januar ein elf Millionen Dollar teures Bioheizkraftwerk, das den Heizölverbrauch des Colleges halbieren soll. Und die Duke University in North Carolina gibt als Studienziel für ihr neues Fach "Energie und Umweltstudien" an: Studenten darauf vorbereiten, die Welt zu verändern.

Im wettbewerbsfixierten US-Hochschulsystem ist Umweltschutz eine neue Maßeinheit für akademische Qualität geworden. Die "Princeton Review", berüchtigt für ihre Uni-Ranglisten, hat die Bildungseinrichtungen nach ihrer Umweltfreundlichkeit sortiert. Elf Hochschulen finden sich da, bekannte Namen wie eben Harvard und Yale, aber auch kleinere Einrichtungen wie das Bates College oder das College of the Atlantic in Maine – das sich auf seiner Website frech das "grünste College der Welt" nennt.

Alle lernen unter einer Lampe und frieren für Mutter Erde

Am Oberlin College in Ohio steht ein ganzes Haus, das als Ökoversuchsanstalt dient, genannt "Student Experiment in Ecological Design" (SEED). Die Idee zu dem Projekt kam Lucas Brown, einem 22 Jahre alten Wirtschaftsstudenten, und zwei Freunden, als sie einen Kurs in ökologischem Design belegten. "Wir dachten uns, wir wollen das auch in unserer direkten Umgebung vorleben." Die Uni gab 40.000 Dollar, um ein renovierungsbedürftiges Haus mitten auf dem Campus umweltfreundlich herzurichten, mit entsprechender Isolierung, Heizung und Leitungen. Lucas, ein geübter Handwerker, packte bei den Umbauten selbst an.

An allen Elektrogeräten im Haus klebt nun ein buntes Schild, das zum Energiesparen mahnt. Auf dem elektronischen Keyboard von Lucas steht: "Die Musik war wundervoll. Jetzt geh an die Hausarbeiten und vergiss nicht, mich auszustöpseln." Im Garten wartet ein Komposthaufen auf hilfreiche Würmer, die Lauge fürs Geschirr spült danach die Toilette. Meist lernen die Bewohner gemeinsam im Wohnzimmer, um Licht in den anderen Räumen zu sparen.

Selbst im Winter puckert die Heizung nur selten auf Hochtouren – die Studenten tragen lieber warme Sachen oder hüllen sich in Decken. Neben der Dusche steht eine Uhr, die die Duschzeit misst. Drei Minuten braucht Lucas; Mädchen mit langen Haaren dürfen etwas länger. Aber die meisten Bewohner wollen gar keine Ausnahmen. Oft duschen Mitglieder der Öko-WG tagelang nicht, um Energie zu sparen.

Der Uni-Präsident schaut auf einen Veggie-Burger vorbei – und eine grüne Miss Rhode Island wirbt auf YouTube

Ihre Erfahrungen berichten Brown und seine Mitbewohner anderen Studenten bei Seminaren und Führungen durchs Haus. Zu ihren Grillfesten – mit vegetarischen Hamburgern – kommt der Uni-Präsident. Beim letzten Mal hat er seine Tochter mitgebracht, aus pädagogischen Gründen – sie lässt zu Hause immer das Licht brennen.

Auch sonst ist das Interesse enorm: Brown beantwortet Fragen zum Haus längst routiniert wie ein Pressesprecher, so viele Medienanfragen hat er schon gemeistert. Sechs US-Unis haben schon angefragt, ob sie das Oberlin-Experiment nachmachen dürfen. Oberlin plant bereits ein zweites SEED-Haus.

Woher kommt diese Bereitschaft, der Umwelt zuliebe ungeduscht ins Seminar zu gehen? Den Winter im Wollpulli am Schreibtisch zu verbringen? Woher die Radikalität, mit der die umweltbewegten Jungakademiker die europäischen Ökos der Achtziger fast in den Schatten stellen?

"Niemand wartet mehr auf die Regierung", sagt Peter Goldmark vom einflussreichen Environmental Defense Fund. Auf anderen Ebenen tue sich dagegen sehr viel, weil die jüngeren Leute sich in der Pflicht sähen. "Der Klimaschutz hat für diese Generation eine Bedeutung wie in den sechziger Jahren die Bürgerrechtsfrage", sagt Brianna Cayo Cotter von der Energy Action Coalition, einem Zusammenschluss von rund 50 Organisationen.

Bestens organisierte Ökos mit landesweitem Netzwerk

Cotter gehörte zu den Organisatoren eines Treffens an der University of Maryland, bei dem vor einem Jahr mehr als 5500 Studenten ein ganzes Wochenende lang Klimaschutz und mögliche Lösungen diskutierten.

Die Uni-Ökos sind alles andere als ein chaotischer Haufen. Sie sind organisiert, sie haben Geld und öffentliche Unterstützung – zumindest an den mehrheitlich liberalen Unis.

In Harvard ist die Initiative strukturiert wie eine Elite-Einheit: 24 Festangestellte arbeiten in dem Büro, kaum einer ist älter als 30, dazu kommen 20 Studenten, die in den Wohnheimen ihre Kommilitonen zum Ökoleben anstiften sollen. Die Mitarbeiter der Initiative organisieren das Recycling, die Biodiesel-Busse auf dem Campus und kümmern sich um die Solarzellen auf den Gebäuden.

Mit dem Zimmerschlüssel fürs Wohnheim bekommen Erstsemester auch gleich Umwelttipps in die Hand gedrückt – und die Ausschreibung zum Green Cup, dem jährlichen Wettbewerb um das umweltfreundlichste Wohnheim auf dem Campus.

Zwölf Millionen Dollar stellt Harvard allein jedes Jahr als Kredit für neue Ökoideen zur Verfügung. "Aber langfristig trägt sich das Programm selbst", glaubt Brandon Geller. "Wir haben unseren CO2-Ausstoß um 80 Prozent reduziert. Das spart der Uni jedes Jahr sieben Millionen Dollar."

Miss Rhode Island preist Recycling

Und doch: Die Aktivisten wissen um die Hürden. "Viele Kommilitonen sind sehr interessiert. Aber oft hört man auch, ein kleiner Beitrag könne eh nix verändern", sagt Lucas Brown. Das frustriert ihn, doch Indoktrination sei nicht die Lösung. "Wir hoffen, dass Leute das hier sehen, es gut finden – und ihren Freunden davon erzählen."

Brandon Geller kann seine Überzeugungskraft schulen, wenn er nach Hause fährt. Seine Familie lebt in Oklahoma, einem sehr konservativen US-Bundesstaat. "Mein Vater glaubt nicht einmal, dass es den Klimawandel wirklich gibt." Auch seine Freunde dort können mit der Berufsbezeichnung eines Umweltberaters wenig anfangen. Denen erzählt er lieber, dass eine seiner Vorgängerinnen ihren Ökojob in Harvard geschmissen hat, weil sie zur Miss Rhode Island gewählt wurde – das beeindruckt selbst in Oklahoma.

"Und irgendwie dient das ja auch dem Umweltschutz", sagt Brandon und grinst. "Sie nutzt den Titel nämlich, um Reden zum Klimawandel zu halten. Und sie hat ein eigenes YouTube-Video – in dem sie Recycling preist."

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