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11.11.2008 / Thema / Seite 10Inhalt

 

Der ferne Erste Weltkrieg

Unmittelbar nach 1914 prägten die grauenvollen Erfahrungen und Leiden der Soldaten die kriegsverachtende Haltung der Bevölkerung. Mit den Jahren aber wurde sie von den politischen Interessen der Herrschenden umgeformt

Von Kurt Pätzold


Bis heute Ausdruck des herrschenden Bewußtseins: Soldatische Trauer in der »Pflicht der Vaterlandsverteidigung« zwischen 1914 und 1918 (Kriegerdenkmal in Malterdingen/Breisgau)

Foto: dpa

In diesen Tagen jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges. Seit der Unterzeichnung der Kapitulation im Salonwagen des französischen Marschalls Ferdinand Foch sind neunzig Jahre vergangen. Wenige Monate später hatten Minister der eben gegründeten Weimarer Republik im Spiegelsaal des Versailler Schlosses den ihnen präsentierten Friedensvertrag zu unterzeichnen.

 
 

In den letzten Jahren waren in Zeitungen immer wieder kurze Meldungen zu lesen, nach denen in diesem oder jenem Land, das am Krieg teilgenommen hatte, der letzte Bürger, der noch zu dessen kämpfenden Teilnehmern gehört hatte, gestorben sei. Die Zeitzeugen sind unter den Toten. Was wir von dieser mörderischen Zeit der europäischen und Weltgeschichte heute wissen, haben wir aus Dokumentenbänden und verschiedensten Schriften, Tagebüchern und Regimentsgeschichten, Memoiren und Romanen – und natürlich auch aus der Lektüre wissenschaftlicher Abhandlungen bezogen. In den wichtigsten am Krieg beteiligten Ländern wurden vielbändige amtliche Kriegsgeschichten herausgegeben. Sie alle füllen Regale von Spezialbibliotheken. Mit Denkmälern und Gedenktafeln wird an öffentlichen Plätzen und auf Friedhöfen an das Ereignis erinnert, das häufig die »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« genannt wird, eine Bezeichnung, die über dessen Herkommen und Charakter nichts aussagt, jedoch darauf verweist, daß dieser einen Katastrophe weitere folgten.

 
 

Eines dieser Denkmäler fällt aus dem üblichen Gedenken ganz heraus. Es befindet sich in der französischen Gemeinde Gentioux im Departement Creuse und zeigt die lebensgroße Figur eines Bauernjungen, eines Kriegswaisen, der auf eine Tafel mit den Namen der Männer jenes Ortes verweist, die im Krieg umkamen, und auf die darunterstehende Inschrift, die Anklage: Maudite soit la Guerre –Verflucht sei der Krieg.

Aufarbeitung des Krieges

Jenseits aller politischen Interessen, die zu allen Zeiten Kriegserinnerungen und -deutungen prägten, unterschieden sich die Bezugnahmen auf die Geschehnisse der Jahre 1914 bis 1918 von Land zu Land auch wegen der sich weit voneinander abhebenden Folgen. Im revolutionären Rußland wurde im Krieg weithin nur das Präludium für die Februar- und Oktober-Ereignisse des Jahres 1917 gesehen. In Polen galt er vor allem als Vorgeschichte nationaler Neugeburt, die nach der Generationen währenden Teilung in einen eigenen Staat geführt hatte. Frankreich gehörte zu den Siegermächten, doch war es mit Belgien das Land, in dem die Kriegshandlungen am heftigsten getobt hatten und ganze Regionen in »Mondlandschaften« verwandelt worden waren. Das unterschiedliche Befinden im Nachkrieg formte die Kriegsbilder in den Köpfen der Überlebenden und überlagerten jene, die aus eigener Erfahrung herrührten. Mit den Jahren aber wurden auch sie stark von politischen Interessen umgeprägt, von denen die jeweils Herrschenden geleitet waren.

 
 

Und Deutschland? Es war besiegt, ohne daß auf seinem Territorium, sieht man von einem schmalen Teil Ostpreußens ab, Schlachten getobt hatten. Erst als die Waffen schwiegen, mußte es die militärische Besetzung von Landesteilen hinnehmen. Es wurde, durch seine Aufwendungen für den Krieg ohnehin verarmt, für die Zerstörungen, die seine Armeen jenseits der Grenzen angerichtet hatten, in die Pflicht genommen. Zur Hinterlassenschaft des Krieges gehörten massenhaft Witwen und Waisen, dazu verkrüppelte und dauernd von Krankheiten gezeichnete Männer, invalidisierte Veteranen. Die Bilanz des Krieges auch nur in ihren wichtigsten Posten hätte die Deutschen zu einem Schluß führen können, der sich in zwei Worten sagen ließ: »Nie wieder«. Sie drückten in der Tat eine von der See bis zu den Alpen verbreitete Stimmung aus. Die Kommunistische Partei Deutschlands, deren Kader gegen den Krieg kämpften, verlieh ihr in ihren »Leitsätzen für den Frieden« Ausdruck. Es entstanden pazifistische Vereinigungen, die in Periodika und anderen Publikationen an die Exzesse der Gewalt, die Leiden, die Verluste und die Opfer erinnerten. Einige Bildbände zeigten verwüstete Landschaften, andere wiederum Menschen, deren Gesichter von Geschossen so entsetzlich entstellt waren, daß sie nur noch verschleiert oder abgeschieden leben wollten, dritte bildeten endlose Gräberfelder in der Nähe von Schlachtorten ab.

 
 

Jahre später kamen Romane auf den Buchmarkt, die vom Krieg handelten und auf ihre Weise aufriefen, diesen zum letzten werden zu lassen. Manche von ihnen wurden Bestseller. Erich Maria Remarques »Im Westen nichts Neues« erschien 1929 und wurde im Jahr darauf in den USA verfilmt. Im gleichen Jahr kam Theodor Pliviers »Des Kaisers Kulis«, der in die Geschichte der Seeschlacht im Skagerrak zurückführte, auf den Buchmarkt, darauf fußte bald eine Bühnenfassung Erwin Piscators. Arnold Zweig publizierte schon 1927 seinen Roman »Der Streit um den Sergeanten Grischa«, dem 1931 »Junge Frau von 1914« folgte. Alle drei Autoren hatten am Krieg teilgenommen, keiner freiwillig und jeder von ihnen kannte das »Heldenleben« aus der Perspektive von unten.

 
 

Doch etablierte sich daneben und gegen die politisch, publizistisch und literarisch agierenden Kriegsgegner eine Strömung, die sich als die stärkere erwies. Traditionsverbände der Soldaten und Offiziere wurden gegründet, pflegten die Erinnerung an das geschönte Kriegserlebnis, an die verherrlichten Kriegstaten und die Frontkameraderie. Der Weltkrieg blieb ihnen »der uns aufgezwungene«, in dem das Vaterland verteidigt worden war. Gedacht wurde siegreicher Schlachten und unsterblicher Helden, mit Vorzug derjenigen, die zur neu geschaffenen Fliegertruppe oder zu den Besatzungen der Unterseeboote gehört hatten. Romane wie »Sperrfeuer um Deutschland« oder »Die Gruppe Bosemüller. Der große Roman der Frontsoldaten«, die den Krieg heroisierten, fanden schon in der Republik nicht weniger Leser als die Literatur, in der vom elenden Sterben berichtet wurde. Später, bis in den neuen Weltkrieg hinein, erlebten sie wieder und wieder Nachauflagen, wurden zu billigen Preisen und in Jugendausgaben verkauft.

Reichswehr bestimmt Forschung

Wie es um das Verhältnis dieser Republik zu diesem Krieg stand, machte sechs Jahre nach seinem Ende die Wahl des einstigen Chefs der letzten Obersten Heeresleitung, des kaiserlichen Feldmarschalls Paul von Hindenburg, zu ihrem Staatsoberhaupt deutlich. Er stand als Schutzherr an der Spitze derer, die auf diesen Krieg keinen kritischen Gedanken verwandten, sondern jene Stimmung schürten, wonach die »im Felde unbesiegten« Deutschen, ungerecht wie sie von ihnen behandelt worden waren, mit den Siegern eine Rechnung erst noch zu begleichen hätten. Das Kräfteverhältnis zwischen diesen beiden Gruppen wurde dadurch zusätzlich zuungunsten der Kriegsgegner verschlechtert, daß die deutsche Sozialdemokratie es nicht fertigbrachte, sich kritisch zu jener Entscheidung einzustellen, die sie im August 1914 an die Seite der »Vaterlandsverteidiger« geführt hatte. Auch andere republikanisch gesinnte Kreise, so die in einem Reichsbund versammelten jüdischen Kriegsteilnehmer, vermochten nicht, Abstand von ihren einstigen hurrapatriotischen Positionen zu nehmen.

 
 

Zu den Fehlanzeigen gehörte, daß es die Republik nicht zu einer Geschichtsforschung über Vorgeschichte und Geschichte des Krieges brachte, die diesen Namen verdient hätte. Die Reichswehr – an ihrer Spitze Generale und Offiziere des Weltkriegsheeres – sorgte dafür, daß die Deutung des Geschehenen, betrieben im Potsdamer Reichsarchiv, streng unter ihrem Kommando gehalten wurde. Auch an deutschen Universitäten gab es kein Geschichtsinstitut, das sich dieses Themas nach den Normen der Wissenschaft angenommen hätte. Und unter den Lehrern an den allgemeinbildenden Schulen herrschten jene vor, die sich auf ihre Kriegsteilnahme viel zugute hielten und ahnungslosen Jungen und Mädchen davon erzählten.

 
 

In den öffentlichen Räumen landauf und landab wurde an die Kriegstoten erinnert, die, wenn sie nicht allesamt Helden genannt wurden, den Inschriften zufolge für das Vaterland gefallen waren. Kaum ein Dorf ohne ein Kriegerdenkmal. Kaum eine Kirche ohne eine Gedenktafel, auf welcher die Namen der Kriegstoten aus dem Sprengel aufgeführt waren. Kaum ein Friedhof ohne Gedenkstein, vornehmlich für jene, die es noch bis in ein heimatliches Lazarett geschafft hatten, dort dann verstorben waren. Und so in Schulen, Gebäuden von Behörden und auch in manchen privaten Betrieben.

 
 

Was bei alledem noch fehlte, war ein zentrales, ein Reichskriegerdenkmal. Das 1927 bei Hohenstein in Ostpreußen eingeweihte »Reichsehrenmal«, das an die Schlacht gegen die Zarenarmee 1914 erinnerte, war zu abgelegen, als daß es diese Rolle hätte spielen können. Mehrere Orte in Deutschland bewarben sich, daß ein solcher Gedenkklotz in ihrer Umgebung errichtet würde, versprach der doch einen Zustrom von Touristen. Zudem existierten Pläne, jeder Kriegerwitwe einmal im Jahr einen Freifahrtschein zur Benutzung der Reichsbahn zu schenken, damit sie diesen Ort des Gedenkens, des Trauerns und der Glorifizierung aufsuchen könnte. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Inzwischen war die Republik liquidiert. Die neuen Machthaber mit dem Frontsoldaten und »einfachen Gefreiten« Adolf Hitler an der Staatsspitze gedachten, das Erinnern anders zu organisieren.

Nazideutschland: Alle waren Helden

1934 war der »Heldengedenktag« etabliert und dafür ein Tag im März bestimmt worden, weit genug von jenem Sonntag im November entfernt, an dem, zurückgehend auf ein Entscheid des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III., nicht nur Mitglieder der evangelischen Kirchen traditionell ihrer Toten gedachten. Zum Ort des Kriegsheldenspektakels wurde die Neue Wache in Berlin Unter den Linden bestimmt. Hitler war alljährlich zur Stelle und – wer den nächsten Krieg vorbereitet, muß sich um die Opfer des letzten kümmern – drückte Hände von Kriegsinvaliden, die ihm in ihren Selbstfahrern mit »deutschem Gruß« huldigten. Befürchtungen, daß das Ritual von Gegnern der Kriegsverherrlichung gestört werden könnte, brauchten nicht gehegt zu werden. Die waren samt und sonders illegalisiert, manche in Konzentrationslagern, andere hatten sich in die Emigration retten können. Die Bücher wider den Krieg waren öffentlich verbrannt worden und ihre Autoren im Ausland. Remarque hatte sich 1932 in die Schweiz begeben und wandte sich später in die USA. Pliviers Weg führte über die Tschechoslowakei, die Schweiz und Norwegen in die Sowjetunion. Arnold Zweig war über die Tschechoslowakei, die Schweiz und Frankreich nach Palästina entkommen. Die Autoren von Jugendbüchern wie »Helden der Luft«, »der See« und »der Kolonien« waren im Reich unter sich.

 
 

Von einer geschichtswissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Weltkrieg konnte nun vollends keine Rede sein. So begann als Fortsetzung des Ersten der Zweite Weltkrieg, ohne daß in den zwei Jahrzehnten dazwischen ein anderes Geschichtsbild unter die Masse der Deutschen gelangt war als das beschönigende, verfälschte, verlogene. Und so kamen junge Deutsche 1940 in den Armeen der Wehrmacht in Gegenden und an Orte, in denen ein Vierteljahrhundert zuvor ihre Väter waren, ohne zu wissen, warum diese einst und jetzt sie auf den Kriegspfad dahin befohlen worden waren. Auf die Frage aller Fragen: Woher diese Kriege rührten, wer sie gemacht hatte, wer an ihnen interessiert war, besaßen sie nicht einmal eine Teilantwort, die der Wahrheit nahegekommen wäre. Immer war ihnen beigebracht worden, irgendwelche Neider gönnten Deutschland den Aufstieg, seine Größe und seinen Platz an der Sonne nicht. Nach Naziversion waren das die Juden. Deutschland jedenfalls war an den Kriegen schuldlos. Die Lüge ließ sich um so leichter und mit dem Gestus des Verleumdeten verbreiten, als die Gegenthese der Sieger von der Alleinschuld Deutschlands am 1914 begonnenen Krieg, die sie im Text des Versailler Friedensvertrags hatten festschreiben lassen, ebensowenig der Wahrheit entsprach.

 
 

Doch machten sich die Krieger des Jahres 1940 darüber um so weniger Gedanken, als sie, wo die Väter einst in Frankreichs Boden im Schützengräben jahrelang festlagen, nicht aufgehalten wurden, sondern in zwei Monaten erreicht hatten, was zuvor in vier Jahren nicht gelungen war: über den »Erbfeind« zu triumphieren. Die Nazipresse veröffentliche rührselige Berichte über die Begegnung der Jungen mit den Gräbern der Väter. Auch der »Führer« begab sich zu einer kurzen Visite an einen Ort, der ihm aus seiner Zeit als Soldat des Kaisers in Erinnerung war.

Aufklärung oder mystisches Dunkel

Nach der erneuten Niederlage Deutschlands war der Berg von offenen Fragen, die die Deutschen an ihre Geschichte und namentlich ihre Kriege zu stellen hatten, zum Gebirge getürmt. Historiker, die es unternehmen konnten, es abzutragen, gab es zunächst nicht. Doch das Thema, welcher Weg vom Ersten in den Zweiten Weltkrieg geführt und wer ihn bestimmt hatte, in welcher Beziehung die beiden gescheiterten Eroberungszüge der Deutschen zueinander standen, war unabweisbar. Es gab bei allem Mangel an Aufgeklärten jedoch auch einige Nazigegner, die in Deutschland überlebt hatten, davon nicht wenige in Konzentrationslagern, oder aus dem Exil zurückkehrten. Sie hatten – ohne daß sie die Masse ihrer Landsleute erreicht hätten – schon in der Weimarer Republik gewarnt und den sich abzeichnenden nahen Krieg früh als Wiederaufnahme des ersten angesehen. Diese Antifaschisten, zumeist in Arbeiterparteien organisiert oder in deren geistig-politischer Nähe agierend, begannen, in Zeitungen und anderen bescheidenen Druckerzeugnissen ihre Sicht von der jüngsten deutschen Vergangenheit zu publizieren. Sie erklärten den Deutschen, wie und von wem ihre Kriege gemacht worden waren.

 
 

Diesen Bestrebungen traten Verfechter eines anderen Interesses früh entgegen, das jede Mitschuld an den Kriegen abwies. Demnach hatte es im »Dritten Reich« nur einen Kriegstreiber gegeben, den »Führer«, und so war die Formel von »Hitlers Krieg« geboren. Eine andere Version tauchte das Geschehen vollends in mystisches Dunkel und bot »Erklärungen« wie Katastrophe und Schicksal. In Westdeutschland drängte sich eine Sicht in den Vordergrund, wonach der ganze »Nationalsozialismus« einen Einbruch von geheimnisvollen, nicht identifizierbaren Kräften in die deutsche Geschichte darstellte, die es bis dahin in ihr nicht gegeben habe. Deren Herkunft blieb unbezeichnet.

 
 

In Ostdeutschland hingegen wurde begonnen, die Vorgeschichte des 1. September 1939 über den 4. August 1914 bis weit in die deutsche Vergangenheit zurückzuverfolgen, was unbeschadet mancher Überzeichnungen von Ursachen und Wirkungen jedenfalls dazu herausforderte, sich mit Hitlers Tod und dem Ende der Nazipartei nicht zufriedenzugeben, sondern stabile gesellschaftliche und politische Sicherungen dafür zu schaffen, daß Deutschland die Perspektive friedlichen Daseins gewann. Zunächst blieb die Aufmerksamkeit naturgemäß auf die jüngsten Ereignisse, den eben beendeten Krieg, gerichtet. Hinter den Leiden und Opfern der Jahre 1944 und 1945 verblaßten jene des Ersten Weltkrieges.

 
 

Im Osten, nun in der DDR, änderte sich das mit dem Beginn der sechziger Jahre. Von den Bestrebungen, das Geschichtsbild der Weltkriege auf festen Grund zu stellen, zeugten die darauf gerichteten historiographischen Großunternehmen, die am Geschichtsinstitut der Akademie der Wissenschaften in Angriff genommenen wurden. Deutschland im Ersten bzw. im Zweiten Weltkrieg, so die Titel der Publikationen, zielten schon im Ansatz auf einen Bruch mit bisheriger Kriegsgeschichtsschreibung, die sich nahezu ausschließlich auf Kriegshandlungen konzentriert hatte. Dem wurde eine weitwinkelige Sicht entgegengesetzt, die ökonomische, politische und geistige Entwicklungen analysierte und von der Propaganda der Kriegswilligen, den Methoden des Terrors, dem Leben der Zivilisten, den Besatzungsherrschaften, aber auch den Bestrebungen der Kriegsgegner und deren Verfolgung handelte. Das erste der beiden Vorhaben, die Darstellung der Jahre von 1914 bis 1918, bewältigte ein von Fritz Klein geleitetes Kollektiv junger Historiker. Einige von ihnen hatten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges noch Soldat werden müssen, andere hatten diesen Krieg als Angehörige der sogenannten Hitlerjugend- oder Flakhelfergeneration erlebt. Ihre Forschungsarbeit erschien ab 1968 und umfaßte drei Bände. Sie sind 2004 im Leipziger Universitätsverlag wieder gedruckt worden. Mehr Zeit nahm die Arbeit am zweiten Unternehmen in Anspruch, das Wolfgang Schumann leitete und einen noch größeren Forscherstab einbezog. 1985 lag der abschließende sechste Band vor.

 
 

Nahezu gleichzeitig mit dem Beginn der Forschungen zum Ersten Weltkrieg in der DDR hatte sich in der Bundesrepublik ein Historiker mit Fragen an dessen Geschichte zu befassen begonnen, der in Hamburg lehrende Fritz Fischer. Schon 1961 war seine Monographie »Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschland 1914–1918« erschienen, die der These von Deutschlands Kriegsunschuld 1914 durch eine quellensatte Untersuchung den Garaus machte. Das Erscheinen löste in der westdeutschen Zunft und über sie hinaus eine erbittert geführte Kontroverse aus, die auch während des Historikerkongresses in Westberlin 1964 ausgetragen wurde. Sie verriet, wie weit in der Bundesrepublik Bedingungen und Bereitschaft zu kritischem Umgang mit der eigenen Nationalgeschichte entwickelt waren. Eine Benotung konnte nur lauten »ungenügend«. Dazu hatte beigetragen, daß die akademischen und universitären Platzhirsche der Geschichtswissenschaft ihre Reviere großenteils über das Jahr 1945 hinweg uneingeschränkt verteidigt hatten. Ihre harschen Zurückweisungen waren vor allem deshalb erfolgt, weil Fischer die Frage nach Kontinuität und Bruch in den Beziehungen zwischen den beiden Weltkriegen aufgeworfen hatte. Es macht nachdenklich, daß in einem 2007 publizierten Band »Der Zweite Weltkrieg – Erfahrung und Erinnerung« deutsche Historiker Fritz Fischers Verdienst nicht einmal in ihrem Literaturverzeichnis erwähnt haben.

Fehlende Ursachenforschung

In den folgenden Jahrzehnten hat sich eine nach 1945 ausgebildete Historikergeneration vorwiegend mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges beschäftigt, Quellen gesichtet und Darstellungen verschiedenster Genres vorgelegt. Erst in den neunziger Jahren war eine erneute Hinwendung zu Gegenständen und Themen zu beobachten, die in der Erforschung des Ersten Weltkrieges nicht bzw. in einer ergänzungs- oder revisionsbedürftigen Weise dargestellt worden waren. Fragestellungen, die bei Forschungen zur Geschichte des 1939 begonnenen Krieges gewonnen wurden, ließen sich bei der erneuten Beschäftigung mit seinem »Vorgänger« fruchtbar machen. Vor allem kann nun generell die Enge der auf Kriegshandlungen fokussierten Sicht als überwunden gelten. Die Forschungsfelder haben sich immer weiter ausgedehnt, zu einem bevorzugten wurden die vielfältigen Folgen der Kriege, von seiner materiellen Hinterlassenschaft und deren Liquidierung bis zu den Traumata, die manche ihrer Zeitgenossen zeitlebens nicht verlassen haben.

 
 

Neben den Gewinnen stehen Verluste, von denen – denkt man nur an die Kriege, die im letzten Jahrzehnt von und in Staaten und Ländern geführt wurden, die an den Weltkriegen beteiligt waren – die Vernachlässigung der Kriegsursachen- und der Kriegszielforschungen, Voraussetzungen wiederum für die Bestimmung des Charakters von Kriegen, besonders hervorsticht. Sie hätten, wurde jüngst auf einer internationalen Konferenz nahezu nebenbei bemerkt, Aufmerksamkeit in früheren Jahrzehnten gefunden. Indessen dominieren gerade auf diesem Feld hierzulande Be- und Umschreibungen. »Hitlers Krieg« ist nach wie vor im Schwange. Mit »Vernichtungskrieg«, der beliebtesten Vokabel, die den Zweiten Weltkrieg meint, ist über sein Wesen nichts ausgesagt. Denn: Welcher Krieg wäre nicht mit Vernichtungen einhergegangen? Die Charakteristik »imperialistischer Krieg« scheint nahezu ganz verlorengegangen zu sein. Womöglich nicht auf Dauer. Mit dem Blick auf die US-geführten Kriege in Afghanistan und im Irak tauchte der Terminus »Imperialismus«, der zeitweilig als Agitationsphrase von Marxisten-Leninisten abgetan wurde, in der Publizistik wieder auf. Das könnte Historiker ermutigen, jene insbesondere, die bis in ihre Wortwahl bedacht sind, mit den Herrschenden nicht in den geringsten Konflikt zu geraten.

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Eingefügt aus <http://www.jungewelt.de/2008/11-11/004.php>

 
 

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