[info] Inhaltliche Leere als reines Können

"Yes we can"

Inhaltliche Leere als reines Können

VON CHRISTOPH MENKE


"Yes, we can." – In den vergangenen Monaten ist oft, nicht nur von konservativen Kritikern, bemerkt worden, dass das Leitwort von Barak Obamas Wahlkampagne keinen Wert, kein Ideal und kein Ziel ausdrückte. Im Zentrum von Obamas Kampagne herrschte inhaltliche Leere. Sie definierte sich nicht durch etwas, was wir wollen oder gar sollen, sondern dass wir – es? – können. Nicht aus der Ablehnung der bestehenden Verhältnisse oder der Forderung nach einer besseren, einer gerechteren, solidarischeren oder freieren Gesellschaft hat Obamas Kampagne ihre Energie gewonnen. Obama steht nicht für ein Programm oder gar eine Agenda zukünftiger Maßnahmen. Elektrisierend an Obamas Kampagne war vielmehr eine Behauptung über die Gegenwart: die Behauptung unseres Könnens, unserer Macht.

Das ist die Tatsache, die all die Vorwürfe des bloß Rhetorischen, irrational Spektakelhaften, Hollywoodesken an Obamas Kampagne dunkel umkreisen und die doch von diesen Vorwürfen ganz unberührt geblieben ist. Es stimmt ja, dass Obamas Kampagne sich nicht durch eine Liste von Zielen definierte, an deren Verwirklichung sich seine Amtsführung wird messen lassen. Rhetorisch war Obamas Kampagne aber nicht, weil sie sich statt der Ziele für deren Verpackung interessierte, sondern weil sie die Frage nach den Bedingungen politischen Wollens und Handelns stellte. Man kann es nicht anders als in der Sprache des Theorieseminars sagen: Das Leitwort von Obamas Kampagne, aus dem sie ihre elektrisierende Energie bezog, war, paradoxerweise, eine Metabemerkung.

Die Einsicht, die darin zum Ausdruck kommt, ist, dass unser Empfinden und Denken, unser Wollen und Handeln nicht durch seine Inhalte politisch ist. Nicht was, sondern wie wir empfinden, denken, wollen und handeln macht es politisch (oder nicht); politisch ist etwas durch seine Form. Zu dieser Form gehört entscheidend das Gemeinsame, Geteilte. Nur was wir wollen, kann politisch sein; was ich will nur insofern, als ich es als Teil eines Wir tue.

Das ist nicht das Wir der gleichen Interessen oder der gleichen Abstammung, nicht einmal das der gleichen Erfahrungen und des gleichen Leidens (auf dessen Mobilisierung die traditionelle Wahlkampagne Hillary Clintons durchaus erfolgreich zielte). Sondern ein Wir, das vor jeder Festlegung auf Inhalte und Ziele darin besteht, zusammen zu handeln und darin zu können: Dinge zu können, von denen wir nicht einmal wussten, dass wir sie wollten.

Obamas Leitwort bringt das in seiner schwindelerregenden Rhetorik präzise auf den Punkt: Es behauptet, dass es da etwas gibt – unser Können -, von dem es zugleich klar macht, dass es durch seine bekräftigende Behauptung – Yes, we can – allererst hervorgerufen wird. Mehr noch: Es ist dasselbe Können, das durch diese bekräftigende Behauptung hervorgebracht wird, durch das diese bekräftigende Behauptung ihrerseits hervorgebracht ist. Bedingung und Resultat fallen in eins. Die Kraft dieser politischen Rhetorik liegt in ihrer Zirkularität: in der Emphase, mit der hier bekundet wird, dass unser Können nirgendwo anders her kommt als aus sich selbst. Es ist durch nichts bedingt und daher für jeden.

"Yes, we can": Das sagt, dass die Elemente des Politischen, was es behauptet und was es tut, was es voraussetzt und was es hervorbringt, zirkulär verknüpft sind und dass deshalb jeder daran teilnehmen kann; man muss nicht schon, wie im traditionellen Politikkonzept der Demokratischen Partei, irgendeiner Community angehören und deren Interessen vertreten. "Yes, we can" sagt aber noch mehr: Es sagt nicht nur, dass man den Zirkel der Politik vollziehen muss, sondern auch, wie man in ihn hineinkommt. Denn das "Können" in Obamas Leitwort ist nicht nur die politische Macht, die wir zusammen haben, es ist ebenso und zugleich die individualisierte Fähigkeit jedes Einzelnen. "Yes, we can" ist das Leitwort von Obamas Kampagne und der Schlüssel ihres Erfolges, weil es dieses beides, das sich in extremer Spannung gegenübersteht, die politische Macht des Wir und die individuelle Fähigkeit des Ich zusammenschließt.

Obama macht das deutlich, wenn er von der Wiederbelebung des amerikanischen Traums spricht. Diesen Traum reinterpretiert Obama als den einer Gesellschaft, in der jeder nicht nur sein Glück verfolgen darf, sondern kann – eine Gesellschaft individueller Könner. Damit spiegelt Obamas Neubeschreibung des "amerikanischen Traums" den grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, der den Begriff der Fähigkeit, des Könnens seit dem Ende der klassischen Moderne ergriffen hat.

War der Erwerb von Fähigkeiten in der klassischen Moderne der entscheidende Mechanismus sozialer Disziplinierung – man wurde durch soziale Institutionen dazu befähigt, eine vorweg definierte Aufgabe zu erfüllen -, so ist Befähigung in den letzten Jahrzehnten zu dem Medium der Individualisierung geworden: In den Selbstverwirklichungsmilieus der zweiten oder Postmoderne geht es weniger um "Erlebnisse" als darum, sich auf je besondere Weise zur Verwirklichung noch unbekannter, immer wieder anderer "Projekte" zu befähigen.Obamas Wiederbelebung des amerikanischen Traums sagt: Jeder von uns kann dies, jeder von uns soll können können. Aber jeder von uns kann nur können, wenn wir das alle zusammen wollen: Wir alle können eine Gesellschaft herstellen, in der jeder von uns sein Leben leben kann. Mit diesem Zusammenschluss von politischer Kollektivität und individueller Selbstverwirklichung hat Obama aber nicht nur den amerikanischen Traum neu beschrieben, sondern die Grundlage seiner Kampagne bezeichnet.

Darin liegt Obamas Lösung für die schwierigste aller Fragen, an der die westeuropäische Linke seit dem Ende der klassischen Moderne durchweg gescheitert ist: der Organisationsfrage. Denn das ist keine äußerliche Frage, die die Instrumente politischer Bewegungen betrifft, sondern die wesentliche: Wie werden Einzelne politisch? – wenn dies heißt, nicht nur politische Meinungen zu haben, sondern gemeinsam zu wollen und zu handeln. "Yes, we can" gibt die Antwort darauf: Politisch werden die Einzelnen durch eine Selbstüberschreitung ihres individualisierten Könnens in gemeinsame Macht.Das Erstaunlichste an Obamas Wahlkampagne mag aus US-amerikanischer Sicht sein, dass ihr Erfolg eine Zurückdrängung des Rassismus bedeutet. Aus europäischer Sicht ist es vielleicht etwas anderes: der Erweis, dass die soziologisch so genannten Selbstverwirklichungsmilieus politisierbar sind. Und zwar weder durch moralische Appelle an die Verantwortung des Einzelnen für den Anderen und das Ganze noch durch die aus der Not geborene Einsicht in die wechselseitige Abhängigkeit aller (Obamas Kampagne war lange vor der Finanzkrise in Fahrt), sondern durch die Erfahrung, dass wir politisch mehr und Anderes können als alleine.

Christoph Menke ist Professor für Philosophie an der Universität Potsdam und zurzeit Theodor-Heuss-Professor an der New School for Social Research in New York. Sein neuestes Buch "Kraft"

erschien gerade im Suhrkamp Verlag.

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Copyright © FR-online.de 2008

Dokument erstellt am 18.11.2008 um 16:28:01 UhrLetzte Änderung am 18.11.2008 um 17:48:57 Uhr

Erscheinungsdatum 19.11.2008

 

URL: http://www.fr-online.de/fr/in_und_ausland/kultur_und_medien/feuilleton/?em_cnt=1631841&em_loc=89

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