[info] Tierschutz extrem: Überwachung? Aber gerne

Tierschutz extrem: Überwachung? Aber gerne

Twister (Bettina Winsemann) 16.11.2008

Wie die Forderung nach einem Tierhalterpass Überwachungsfreunden in die Hände spielt

Angesichts der vielen Meldungen über Tiermisshandlungen und Verstössen gegen artgerechte Haltung sowie Tiertötungen ist es verständlich, dass Tierschützer die bisherigen gesetzlichen Grundlagen für unzureichend halten. Ein Lösungsvorschlag, der immer wieder auftaucht, ist der sogenannte Tierhalterpass. Dieser Pass soll die Befähigung zur Haltung eines Tieres nachweisen und hat nunmehr auch seinen Weg in eine diesbezügliche öffentliche Petition (1) gefunden.

Der Deutsche Bundestag möge ein Gesetz beschließen, durch welches nur Tierhalter werden kann, wer ausreichend dafür geprüft wurde. Ich empfehle daher die Einführung eines Tierhalter-Passes. Jener Pass sollte nur aufgrund von psychologischen Persönlichkeitseignungs- und Räumlichkeitseignungs-Tests ausgehändigt werden. Nur mit ihm sollte es einem Bürger erlaubt sein ein Tier halten zu dürfen. Dies sollte für private, sowie für gewerbliche Tierhalter gelten.

Bei der Räumlichkeitseignungsprüfung handelt es sich um das, was zur Zeit als Vorkontrolle bezeichnet und von den meisten Tierschutzvereinen bereits praktiziert wird. Mitarbeiter des Tierschutzes oder ehrenamtliche Helfer besuchen den Interessenten, sehen sich die Wohnung an und führen ein Gespräch, um zu bewerten, ob es sich hier um jemanden handelt, dem man das Tier anvertrauen sollte oder nicht. Vielen Tierheimen ist eine solche Überprüfung oft schon auf Grund von mangelndem Personal und Zeit nicht möglich. Der oft aus den gleichen Gründen stattfindende Verzicht auf Nachkontrollen führt natürlich dazu, dass lediglich eine Momentaufnahme vorgenommen wird. Wie das Tier später lebt, bleibt unbekannt.

Der Petent schreibt weiterhin, dass es für jedes Haustier eine entsprechende Regelung geben muss. Dies wären dann die in Gesetzesform gegossenen Ratschläge für Tierhaltung, wie sie z.B. in der Schweiz unter tiererichtighalten.ch (2) zu finden sind.

Abgesehen davon, dass ein psychologisches Gutachten für die Haltung eines Wellensittiches jeglicher Verhältnismässigkeit widerspricht: Wie die psychologische Persönlichkeitseignung, wie in der Petition formuliert, getestet werden soll, bleibt offen. Es ist anzunehmen, dass wie auch während der Vorkontrolle auf bestimmte Auffälligkeiten geachtet werden soll. Doch auch hier zeigen sich bereits die Schwierigkeiten bei dieser Vorgehensweise. Zwar sind entsprechende Listen für die Vorkontrolle verfügbar, letztendlich ist die Entscheidung aber auch von dem persönlichen Eindruck des Kontrolleurs abhängig.

Dieser kann (muss aber nicht) durch Vorurteile getrübt werden. Ein Beispiel wäre, dass z.B. bei einem ALGII-Empfänger mehr auf Sauberkeit geachtet wird als bei einem Arbeitenden. Eine standardisierte Liste zur Vorkontrolle wäre insofern keine schlechte Idee, doch die Petition geht ja weiter in ihren Forderungen. Neben dem Gesetz zur Haltung wäre, entspräche man der Forderung, eine überbordende Bürokratie sowie Überwachung notwendig.

Neue Jobs für Psychologen und Kontrolleure

Bundesweit müssten Standards für die persönliche Eignung entwickelt werden. Wann ist jemand zur Haltung eines Goldhamsters nicht befähigt? Welche persönlichen Charaktermerkmale würden dazu führen, dass einem der Kauf eines Wellensittichs verweigert wird und wie werden diese festgestellt? Und von wem? Ähnlich den Amtsärzten müsste es dann Psychologen geben, die jeden, der ein Tier aufnehmen will, bewerten. Eine ähnliche Vorgehensweise wird ja schon bei den Hundehaltern praktiziert, doch ausgedehnt auf alle Tierarten wäre sie kaum zu bewältigen. So gibt es alleine über 3 Millionen Wellensittiche in Deutschland, von anderen (Klein)Tieren wie anderen Vogelarten, Papageien, (Gold)hamstern, Meerschweinchen bis hin zu den exotischeren Wohngenossen wie Eidechsen, Schlangen etc. ganz zu schweigen.

Zusätzlich besteht immer die Möglichkeit eines gefälschten Passes. Um zu verhindern, dass also jemand nur vorgibt, geeignet zu sein, wäre eine zentrale Auskunft bzw. eine zentrale Datei notwendig, auf die Züchter, Tierschutzvereine, Tierheime und Tierarztpraxen Zugriff haben. Denkt man noch etwas weiter, müsste jeder Tierhalter Zugriff auf diese Datei haben, da nicht selten Tiere von Privatpersonen an Privatpersonen weitergegeben werden.

Da sich Wohn- wie auch persönliche Verhältnisse ändern (können), wären regelmässige Nachkontrollen notwendig, auch die Charaktereignung müsste in bestimmten Abständen erneut bewertet werden. Hier ergibt sich ein zusätzliches Problem mit eventuellen Kulanzzeiten. Oft genug findet sich ja, insbesondere bei mehreren Haustieren, nicht sofort eine passende Wohnung, so dass übergangsweise die Bedingungen nicht optimal sind. Hier wären dann Regelungen notwendig, die insbesondere auch das Wohl der Tiere berücksichtigen. Wird beispielsweise eine Katzengruppe auseinandergerissen, nur um nach 1-2 Monaten wieder zusammengeführt zu werden, führt dies bei den Tieren zu Stress, der lange Zeit andauern kann. Somit müsste jeder Einzelfall akribisch bewertet und geregelt werden.

Der Tierhalterpass würde sich also hervorragend als Jobmaschine für Psychologen und Kontrolleure eignen, wäre da nicht der finanzielle Aspekt. Denn wer soll sowohl die Kontrollen als auch die Gutachter zahlen? Der potentielle Tierhalter? Damit würden es z.B. ALGII-Empfänger, Sozialhilfeempfängern etc. erheblich erschwert werden, ein Tier aufzunehmen. Dies hat aber nicht selten auch für die Tierhalter eine therapeutische Wirkung. Der Tierhalter lernt so, Verantwortung zu übernehmen, sich nicht übermässig gehen zu lassen, er hat einen (wenn auch nicht menschlichen) Freund, der ihm über eine eventuell vorhandene Einsamkeit hinweghilft.

Gerade für jene, die zunehmend an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, ist dies umso wichtiger. Die Tierheime/-schutzvereine und Züchter können die Ausgaben nicht übernehmen, sie würden diese höchstens auf die Kosten für ein Tier aufschlagen, was zur gleichen Problematik führt. Vom Bund ist für diese Ausgaben keine Kostenübernahme zu erwarten, insofern bleibt die Frage des Bezahlens offen im Raum stehen. Zumal natürlich die Idee, dass, wenn der "Staat" es zahlt, man selbst nicht zahlt, unsinnig ist, da der Staat ja nun einmal kein über allem schwebender Goldesel ist, sondern letztendlich das (u.a.) ausgibt, was durch Steuern etc. eingezahlt wird. Somit würde diese gesamte Bürokratie und Kontrolle vom Bürger selbst gezahlt werden.

Nichts zu verbergen

Es ist wenig verwunderlich, dass angesichts der Unmöglichkeit der steten Nachkontrolle Tierschützer also zunehmend in die "Nichts zu verbergen"-Argumentation verfallen und nicht nur eine jederzeit mögliche unangekündigte (!) Kontrolle befürworten, sondern auch mit einer elektronischen Umsetzung der Kontrolle liebäugeln. Hier befinden sie sich dann in guter Gesellschaft mit den Kinderschützern, die eine solche Umsetzung (sprich: Überwachungskameras in den Wohnungen) zum Teil ebenfalls befürworten, um so Kindesmisshandlungen verhindern bzw. aufklären zu können.

Die Überwachungsfreunde in der Regierung bekommen so gleich zwei Unterstützergruppen, die in ihrer Sorge um Tiere/Kinder Dinge wie Privatsphäre und Datenschutz als vernachlässigbare Aspekte ansehen. Insofern verwundert es auch nicht, dass es bereits jetzt schwarze Listen gibt, die mitteilen, an welche Personen kein Tier weitergegeben werden soll. Es steht zu befürchten, dass ein Zentralregister dann als transparente Lösung für dieses Problem angesehen wird.

Links

(1) https://epetitionen.bundestag.de/index.php?action=petition;sa=details;petition=735

(2) http://www.tiererichtighalten.ch

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29117/1.html

 

Copyright © Heise Zeitschriften Verlag

 
 

Eingefügt aus <http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=29117&mode=print>

 
 

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