[info] BRD-Polizei mit Stahl-Handschuhen

Quarzsand im Handschuh: Ermittlung gegen Polizisten

Lutz Schnedelbach

Die Polizei ermittelt in den eigenen Reihen. Sieben Mitarbeiter der Einsatzhundertschaft der Direktion 4, darunter leitende Beamte, sollen während eines Einsatzes verbotenerweise Quarzsand-Handschuhe getragen haben. Die Handschuhe sind auf dem Handrücken mit Sand gefüllt, um Schlagkraft und Schutzwirkung zu erhöhen. Außerdem sollen die Polizisten bei einem Einsatz unangemessen hart gegen Demonstranten vorgegangen sein. Leitende Beamte wurden gestern von ihren Funktionen entbunden. (ls.)

 
 

Eingefügt aus <http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/1121/berlin/0088/index.html>

 
 

 
 

Polizei sorgt sich um ihren Ruf

Beamte hatten verbotene Handschuhe: Alle Einheiten werden überprüft

Lutz Schnedelbach, Andreas Kopietz

Nachdem bekannt wurde, dass einige Berliner Polizisten im Dienst offenbar mit gefährlichen Quarzhandschuhen zuschlagen, wurden gestern neue Details bekannt. Wie Polizeipräsident Dieter Glietsch im parlamentarischen Innenausschuss sagte, haben Führungskräfte ihre Untergebenen zur privaten Anschaffung der Handschuhe gedrängt. "Es gab Drohungen gegen die, die nicht mitmachten", sagte Glietsch.

Wie berichtet, leitete die Polizei in der vergangenen Woche Disziplinarverfahren gegen sieben führende Beamte der Direktion 4 (Tempelhof-Schöneberg und Steglitz-Zehlendorf) ein. Die Führungskräfte, darunter Hundertschafts- und Zugführer, wurden vorläufig in andere Direktionen versetzt. "Der Vorwurf lautet, dass die Vorgesetzten gefordert haben, unverhältnismäßig vorzugehen und dass solches Verhalten gedeckt wurde", so Glietsch. "Aus meiner Sicht ist der Sinn und Zweck darauf gerichtet, möglichst hart zuzuschlagen." Das widerspreche den Grundsätzen der Berliner Polizei.

Laut Glietsch gibt es inzwischen auch Anzeigen wegen Körperverletzung im Amt und Nötigung von Mitarbeitern. Die Polizisten sollen im Einsatz, unter anderem gegen Fußballfans, provoziert und unangemessen hart agiert haben. Auch bei Festnahmen am Rande von Demonstrationen sollen Beamte der Direktionshundertschaft unverhältnismäßig hart vorgegangen sein. Sie sollen nach Angaben von Beamten eine "konsequentere Festnahmetechnik" angewandt haben, die sonst nur im Steinhagel durchgeführt wird. Zu konkreten Vorfällen konnte die Polizei gestern aber keine Angaben machen. Unklar ist auch, ob die Handschuhe tatsächlich benutzt und damit Menschen verletzt wurden. Klar scheint jedoch bereits, dass mit den Handschuhen auch trainiert wurde.

Ans Licht kam die Sache durch die Beschwerde mindestens einer Polizistin, die sich weigerte, sich die Handschuhe anzuschaffen. Bei einer Überprüfung stießen Ermittler dann in den Spinden von Kollegen auf die Handschuhe.

Mit Quarzsand oder einer anderen Füllung im Handschuh ist ein Faustschlag wirkungsvoller. Dennoch gelten sogenannte "Tactical Gloves" laut Bundeskriminalamt nicht als Hieb- und Stoßwaffen. "Die Verletzungsgefahr eines Gegners ist durch die Verstärkung mit der Füllung nicht signifikant erhöht, vielmehr dient die Füllung dem Schutz vor eigenen Verletzungen", heißt es in dem Feststellungsbescheid von 2006, der im Berliner Polizeipräsidium für Unverständnis sorgt. Denn in der Praxis machte die Polizei andere Erfahrungen. Zudem führen gewaltbereite Gruppen, wie Rocker, Nazi-Schläger oder Linksautonome "Tactical Gloves" mit sich. Ihre Benutzung ist bei der Polizei untersagt. Auch Teilnehmer an Kundgebungen – wie etwa bei der Silvio-Meier-Demo am Samstag – dürfen sie nicht haben. Die Polizei beschlagnahmte dort mehrere Handschuhe.

Weil die Polizeiführung um den guten Ruf ihrer Truppe und die Gefahr einer Verallgemeinerung fürchtet, ließ sie auch die anderen Einheiten der Direktionshundertschaften und der Bereitschaftspolizei überprüfen. Weitere Quarzhandschuhe wurden nicht gefunden. "Wir nehmen an, dass diese Angelegenheit nur Beamte der Direktion 4 betrifft", hieß es gestern.

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Mehr Wucht

Foto: Sogenannte "Tactical Gloves" sind schwerer als normale Handschuhe, was die Wucht der Faust erhöht. Am Handrücken und im Knöchelbereich sind sie mit Quarzsand, Blei- oder Stahlgranulat gefüllt.

Normale Handschuhe der Berliner Einsatzeinheiten verfügen lediglich über Polster (Protektoren) und sind gegebenenfalls mit Kevlar als Schnittschutz verstärkt.

Angeboten werden "Tactical Gloves", die von Motorradhandschuhen kaum zu unterscheiden sind, im Internet-Versand in allen Größen.

 
 

Eingefügt aus <http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/1125/berlin/0030/index.html>

 
 

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