[info] Datingbörsen und soziale Kybernetik

Datingbörsen und soziale Kybernetik

Ramón Reichert 23.11.2008

Dating im Netz ist ein ironisches Spiel mit den sozialen Anforderungen gesteigerten Selbstmanagements

Datingbörsen sind Versuchsanordnungen für Selbstpraktiken und bieten ihren Mitgliedern die Möglichkeit, mit dem außeralltäglichen Erleben zu experimentieren. In der Flirtkultur im Netz hat sich heute die Vorstellung etabliert, dass das soziale Feedback für das Daten und Flirten eine Grundvoraussetzung darstellt.

Feedbacksysteme, Leistungsvergleiche, Qualitätsrankings

Diverse Versionen der Feedback-Software bieten allen Beteiligten auf Community-Seiten die Möglichkeit zur wechselseitigen Beurteilung und Bewertung. Das Feedback soll die gesamte Persönlichkeit erfassen und thematisiert dabei die Fähigkeiten zur Kommunikation, Selbstdarstellung, Kreativität und Anpassungsfähigkeit. Seinem Anspruch nach ist das Feedback egalitär organisiert und gibt jedem Beteiligten die Möglichkeit, sich selbst zu Wort zu melden.

Feedback-Dossiers informieren umfangreich und flexibel über die Personen und erstellen Vergleiche zwischen Nachfrage und Angebot, indem sie die jeweiligen Neigungen und Fähigkeiten statistisch auswerten und auf dieser Grundlage ein paarpsychologisches Coaching offerieren. So unterschiedlich die zahlreichen Dienste und ihre Angebote auch sein mögen, die Grundkomponenten der sozialen Kybernetik des Feedbacks bleiben gleich und setzen sich in der Regel aus digitalen Bewertungs- und Fragebögen zusammen.


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Die Feedbackgeber können in der Regel zwischen kategorischen und tabellarischen Items wählen und auf einer Skala den Grad ihrer Zustimmung oder Ablehnung bestimmen. Neben der Bewertung der Ist- und Soll-Werte gibt es in der Regel die Möglichkeit, die Relevanz der Aussagen einzustufen und anonymisierte Anmerkungen zu hinterlassen. Das gesamte Verfahren wird über elektronische Datennetze abgewickelt. Letztlich erhalten die Beurteilten das Resultat in Form eines individualisierten Leistungsprofils.

Neben dem vom Feedback eingeforderten Bekenntniszwang nähert sich das Flirten in Online-Börsen immer mehr den Prozeduren der Sensitivity-Trainings an, in denen es darum geht, vermittels Kritik-und-Selbstkritik-Ritualen soziale Kompetenz auszubilden. Das Dating ist aber vor allem ein populäres Vergnügen, das mit Ironie, Inszenierung und Maskerade operiert und nicht gerade mit Ernst praktiziert wird. Daher etablieren die Selbstpraktiken beim Dating ein ironisches Spiel mit den sozialen Anforderungen gesteigerten Selbstmanagements.

Inflation des Kontrollwissens

Rückmeldungssysteme machen aus der einfachen Alltagswahrnehmung eine strukturelle Beobachtung, durch die eine spezifische Verhaltensweise systematisch beobachtet, bewertet, beurteilt und schließlich nachhaltig geändert werden kann. Hier können Rückkoppelungssysteme wesentlich dazu beitragen, Praktiken der evaluativen Selbstbeobachtung zu aktivieren. Das angesammelte Beobachtungs- und Kontrollwissen kann durch die Medien auf unterschiedliche Weise repräsentiert werden, so etwa, wenn das Wissen in elektronischer Form als eFormular, ePortfolio, Balkendiagramm, Counter, Video-Upload usw. auftritt. Die vielfältigen Kodierungen des Beobachtungswissens vermittels der ‚objektivierenden‘ und ’neutralisierenden‘ Wissenstechniken können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass jedem Wissen immer auch soziale und normative Vorstellungen inhärent sind und es auf grundlegende Weise von politischen und ökonomischen Kontexten abhängig ist.

Die im Netz implementierten Online-Feedbacksysteme greifen Elemente der psychotherapeutischen Gruppendynamik, der Meinungsforschung und des Personalmanagements auf. In der Gruppendynamik fungiert Feedback als Rückmeldung an eine Person über deren Verhalten und dient zur Optimierung der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Das gruppendynamische Feld besteht aus Selbst- und Fremdbildern, die als nicht deckungsgleich angenommen werden. Um diese Vorgänge deutlich zu machen und zu üben, und um die Selbst- und Fremdwahrnehmung zu verbessern, wird Feedback im gruppendynamischen Training gezielt als Übung eingesetzt.

Die Meinungsforschung lässt im Auftrag von Unternehmen, politischen Parteien und öffentlichen Institutionen Daten und Informationen erheben, welche die Grundlage für Marketingstrategien, Wahlprogramme und administrative und exekutive Maßnahmen bilden. Im Personalmanagement ist das Feedback auch zum Abgleich von Ist- und Sollzustand bei der Zielsetzung und -erreichung, zur Rückmeldung nach Bewerbungsgesprächen oder auch nach erledigten Aufgaben im Betrieb vorgesehen. Anwendungsfälle in der Personalentwicklung sind z. B. das 360°-Feedback/180°-Feedback für Führungskräfte oder das Team-Feedback.


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Anwendungsfälle im Qualitätsmanagement sind das Kunden-Feedback, aber auch die Seminar-Evaluation. Unter Feedback wird im Personalmanagement ausschließlich die verbal- oder schriftsprachliche Rückmeldung verstanden, während der allgemeinere Begriff der Rückkopplung in der Arbeits- und Organisationspsychologie auch die nonverbalen und unbewussten Anteile der Kommunikation (z.B. Mimik, Gestik) umfasst.

Die Omnipräsenz der Rankingsysteme

Seine Legitimität bezieht das Feedbacksystem aus seiner vorgeblichen Objektivität. Online-Plattformen weisen den upgeloadeten Fotos, Videos und Texten nicht auf willkürliche Art und Weise bestimmte Ränge zu, sondern stellen ihrer Klientel eine vereinheitlichte und standardisierte Bewertungssoftware zur Verfügung.

Zahlreiche Datingbörsen operieren mit Profilstatistiken, die Buch führen über "Sympathiepunkte", "Besucher", "Freunde", "Matching", "Awards", "Forenbeiträge" und "Kommentare". Diese objektivierenden Feedbacksysteme verdichten Evaluation und Verwertbarkeit in einem einzigen Vorgang: in Echtzeit und Online ermittelt sich der Wert des Mainstreams und der Popularität. Statistisch quantifizierte Fremdbeobachtungen (click the vote) wie sie etwa von den häufig eingesetzten Balkendiagramme und tabellarischen Rangordnungen repräsentiert werden, legen jedoch keinen verbindlichen Soll-Wert fest, sondern ändern sich permanent.

Die von Raum und Zeit unabhängigen Feedbackschleifen erfordern eine unablässige Adaptionsleistung und einen ununterbrochenen Return of Investment. Die feedbackgesteuerte Selbststeuerung erreicht jedoch keinen Zielwert, da immer wieder neue Fremdbeobachtungen das Voting, Counting und Ranking maßgeblich beeinflussen und damit eine unabschließbare Dynamik der Selbstthematisierung in Gang setzen.

Die Selbstkontrolle der Mitglieder befindet sich folglich in einem instabilen Aggregatzustand, da vom Subjekt immer wieder Adaptionsleistungen erbracht werden müssen, um auf den Aufmerksamkeitsmärkten weiterhin mittels click rates eine passable Reihung vorweisen zu können. Die Adaptionsleistung beruht im wesentlichen auf einem antizipatorischen Vermögen: das ‚erfolgreiche‘ Subjekt spielt die Anforderungsprofile durch und versucht, ihren Bewertungsrastern möglichst adäquat zu entsprechen. So richten die im Ranking Beurteilten ihr Verhalten prospektiv auf spezifische Kriterien hin aus, um ihre Postion im Bewertungsraster aktiv zu verändern.

Die in den sozialen Netzwerken gebräuchlichen Parameter legen ein analytisches Raster fest, das definiert, welche Distinktionen, Funktionen und Dispositionen für das beurteilende Feedback relevant sind – oder nicht. Was nicht dem vom Online-Dienst vorgegebenen Erhebungsziel dient, wird gar nicht erst erfasst. Beim Erhebungsziel kommt es also weniger darauf an, die Wahrheit über ein Subjekt zu erfahren, sondern es geht vielmehr darum, Erhebungsbereiche zu definieren, die ausschließlich für die Beurteilung relevant sind. Die Feedbackschleifen fungieren als geschlossene kybernetische Systeme: sie konstruieren erst die sozialen Tatsachen und Fakten und suggerieren gleichzeitig, diese ‚vorgefundenen‘ Fakten und Tatsachen nachfolgend zu bewerten.

Flexible Testsituationen

Im Netz stehen die Subjekte unter gegenseitiger Dauerbeobachtung und Dauerbewertung. Die Community-Seiten der Flirt- und Singlebörsen beinhalten ein Set kybernetischer Praktiken wie Assessment, Evaluation, Supervision, Coaching, Monitoring, Feedback-Systeme, Matching oder Effektivitäts- und Effizienzmessungen. Die Steuerung, Regelung und Lenkung des Selbst stellt heute einen zentralen Ansatz in der Bildungspädagogik dar. Das Prinzip der ‚inneren Führung‘ der Subjekte, das mit dem Euphemismus ‚Empowerment‘ umschrieben wird, verdichtet die systemisch-kybernetische Konzeption der ‚Selbstorganisation‘ und soll zur kontrollierten Autonomie führen.

Im relationalen Raum des Internet können die jeweiligen Positionen allerdings nur temporär und kurzfristig besetzt werden und befinden sich in einem permanenten Aggregatzustand konfliktreicher Diskurse. Im Web 2.0 überlagern situieren sich die kybernetischen Praktiken mit den Versuchsanordnungen des New Public Management. Dementsprechend werden die Mitgliederprofile tabellarisch zusammengefasst und vom Datenbankmanagement nach ‚harten‘ Daten wie Alter, Größe, Gewicht, Aussehen, Beruf, Wohnort u.a. und ‚weichen‘ wie Charaktermerkmalen, Werten, Lebensstil und dem Wunschpartner sortiert.


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Zur Minimierung des Zeitaufwandes bei der Profilerstellung ist ein Fragenkatalog mit vorgegebenen Antworten zu beantworten und auf einer mehrstufigen Skala zu bewerten. Mit dem Aufstieg kybernetischer Prozesse der symbolischen Kontrolle und der Bottom-up-Verfahren evaluierender Feedbacks rücken komplexe, nicht-lineare Prozesse in den Mittelpunkt, welche die Kontingenz, Offenheit und Vernetzung der Web-2.0-Medienkultur zu schlagkräftigen Communities und variablen Systemen verknüpfen.

Vor diesem Hintergrund stellt das ‚lebenslange Lernen‘ von Individuen und Organisationen, von Personen und Regierungen, Unternehmen und Verwaltungen eine Form der kontinuierlichen Rückkopplung dar. Die Rückmeldesysteme versetzen die Lernsubjekte in flexibilisierte Testsituationen, in denen sie sich als bewegliche und anpassungsfähige Userinnen und User zu bewähren haben.

Verallgemeinerung kybernetischer Prinzipien

Die das populäre Vergnügen im Netz prägenden Prozesse der Medialisierung und Informatisierung haben zur sozialen Verallgemeinerung kybernetischer Prinzipien geführt. Feedbacksysteme, Leistungsvergleiche, Qualitätsrankings, Monitoring, Matching, Benchmarking, statistische Kontrollen, flexible Prozesssteuerungen, Selbsterfahrungskatalysatoren, Zufriedenheitsmessungen – systemisch-kybernetische Kontrollfunktionen und Beobachtungszusammenhänge wechselseitiger Bewertung und Beurteilung sind Funktionselemente der Medientechnologie des "Web 2.0".

Die Anwendungen der post-disziplinären Web-2.0-Technologien basieren auf einem kybernetischen Modell, welches das Individuum als ein informationsverarbeitendes System voraussetzt, das sich möglichst flexibel an die bestehenden Normansprüche seiner Umwelt anpasst, wenn es nur kontinuierlich mit Rückmeldungen (Feedback) ‚informiert‘ wird. Die informationelle Kontrolle weiter Teile der Gesellschaft durch Such- und Analysemaschinen konstituiert einen eigenen Machtmodus, der auf der Logik von Selbstorganisation, Vernetzung und Rückkopplung beruht und zu medienspezifischen Subjektivierungsformen führt. In diesem Sinne firmiert der Einzelne in erster Linie als ein informationsverarbeitendes System, das sich selbst flexibel an die Anforderungen seines Online-Habitats anpasst, wenn es mit differenziertem Feedback gefüttert wird.

Beobachtet und bewertet der Einzelne sich selbst oder andere, dann entsteht durch die kontinuierliche Rückkopplung ein Kreislauf der wechselseitigen Beobachtung, aufgrund dessen dann Anpassungen ermöglicht und Interventionen geplant werden können. Dabei soll der Einzelne spezifische Wirkungen und zugleich die Ursachen dieser Wirkungen wahrnehmen können. Dies deutet auf einen charakteristisches Kausalitätsverständnis hin, nämlich einen systemisch-kybernetischen Beobachtungszusammenhang. Dieser besteht in der Erzeugung von Kontrollkreisläufen in Form von Feedbackschleifen, die je nach Beobachtungsrichtung selbst- oder fremdregulierend eingesetzt werden können.

Mit der Ausweitung systemisch-kybernetischer Kontrollfunktionen im Web 2.0 werden Fragen von System und Modell, von Steuerung, zirkulärer Kausalität, Feedback, Äquilibrium, Adaption und Kontrolle virulent. Die erforderlichen Adaptionsleistungen legen den Kontrollierten keinen fixen Sollwert nahe. Dementsprechend ist das Web 2.0 nicht nur eine Medientechnologie, sondern fungiert gleichermaßen als Teil einer "sozialen Maschine" (Gilles Deleuze), die feedbackgeleitete Selbststeuerungen für ein Regime eines "flexiblen Normalismus" (Jürgen Link) generiert.

Die Kontrolltechnologie der ’sanften Adaption‘ setzt eine unabschließbare Dynamik der Selbstoptimierung in Gang, die vom Subjekt selbst aktiv und regelmäßig im Rahmen seiner Eigeninitiative und Selbstverantwortlichkeit hervorgebracht werden soll. Berücksichtigt man, dass die Datingkultur ein populäres Vergnügen der Ironie, der Inszenierung und der Maskerade ist, dann erscheint das Online-Dating weniger als Instrument neoliberaler Subjektkultur, sondern als selbstreflexives Spiel mit ihren Zumutungen.

Von Ramón Reichert ist soeben das Buch erschienen: Amateure im Netz. Selbstmanagement und Wissenstechnik im Web 2.0.

transcript Verlag, Bielefeld 2008, 246 Seiten.

Telepolis Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29124/1.html

 

Copyright © Heise Zeitschriften Verlag

 
 

Eingefügt aus <http://www.heise.de/bin/tp/issue/r4/dl-artikel2.cgi?artikelnr=29124&mode=print>

 
 

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