[info] Das kalte Grab

Das kalte Grab

In Österreich wurde die Frau beigesetzt, die beim Skiunfall mit Dieter Althaus ums Leben kam. An der Trauerfeier nahmen Althaus‘ Ehefrau und Thüringens Ministerin Birgit Diezel teil

Norbert Mappes-Niediek

RIEGERSDORF. Gut bedacht ist die Geste wohl. Abgesprochen ist sie sicher nicht. Gerade erst sind die engsten Familienangehörigen am offenen Grab vorbeigegangen, haben kalten Sand auf den Sarg geworfen. Da löst sich Katharina Althaus vom Arm des Referenten, geht auf den Witwer zu, reicht ihm die Hand, nimmt ihn am Ende sogar in den Arm. Die Geste gelingt. Bernhard C. neigt sich steif herab zu der kleinen, zierlichen Frau und berührt sanft ihre Schulter.

Halb Riegersburg ist an diesem Mittwoch auf den Beinen, um Beata C. zu Grabe zu tragen, die 41-jährige Frau, die am Neujahrstag in einem Skigebiet nicht weit von hier mit Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) zusammenstieß und starb. Die katholische Oststeiermark, die Heimat des Witwers, und das katholische Eichsfeld, aus dem Althaus stammt, passen zueinander. Takt, Würde, Fassung – das sind hier hohe Werte. Der Witwer schaut konzentriert, bewegt sich gemessen und routiniert.

Viele seiner Kameraden sind gekommen, Offiziere, sogar Generäle des österreichischen Bundesheers. Monoton leiert der Vorbeter in der barock ausgeschmückten Kirche unter den vielen vergoldeten Engeln den "schmerzensreichen Rosenkranz" ab. Stereotyp spricht der Priester von der "lieben Verstorbenen", die "uns zum Herrn vorausgegangen" sei. Thüringens Finanzministerin und amtierende Ministerpräsidentin Birgit Diezel stimmt in das Glaubensbekenntnis ein, das alle sprechen. Es ist eine Atmosphäre, in der sich jeder sicher weiß. Wenigstens ein Boulevard-Drama erspart die Familie der Verstorbenen den Vertretern von Dieter Althaus.

Wann der CDU-Politiker das Krankenhaus in Schwarzach verlassen kann, wohin er mit einem schweren Schädel-Hirn-Trauma gebracht wurde, können die Ärzte an diesem Tag nicht sagen. Er mache gesundheitliche Fortschritte, teilen sie mit. Althaus erinnere sich aber noch immer nicht an den Unfall, bei dem Beata C. schwere Kopfverletzungen erlitt, denen sie auf dem Weg ins Krankenhaus erlag.

Bea, wie ihr Mann sie nannte, war in Riegersburg, dem kleinen Ort mit der gewaltigen, weit ins Land strahlenden Ritterburg, kaum bekannt. Bernhard, ihr Mann, dafür umso mehr. Man war stolz im Ort auf den Sohn von Markus C., eine der Größen im konservativ-katholischen Bauernbund, als der Junge den geschätzten Weg zum Bundesheer ging, bis zum Oberst aufstieg und schließlich sogar nach Amerika geschickt wurde. Einmal kam er und hielt daheim einen Vortrag über Nato-Strategien. Ganz Riegersburg war geehrt. Dieter Althaus ist am Neujahrstag nicht mit irgend jemandem zusammengeprallt. Der Kirchenchor singt, der stellvertretende Landeshauptmann der Steiermark ist gekommen, auch er ein Christdemokrat.

Es ist ein kalter Tag. Kahl sind die Hänge rund um den Ort, am Himmel hängt kompakter Hochnebel. Kalt sind auch die Riten in der Kirche, kaum Platz ist für ein persönliches Wort. Der Ortspfarrer begrüßt ausdrücklich die hohen Gäste aus Deutschland – und nicht etwa die aus der Slowakei, dem Land, aus dem die Verstorbene kam. Ihr Geburtsname, den sie 39 Jahre lang trug, hat es nicht einmal auf den Totenzettel geschafft.

Der Höhepunkt ihres Lebens

Aufgewachsen in Bratislava, der Hauptstadt der Slowakei, kam sie 24-jährig mit einem Studentenaustausch nach Wien, studierte dort, lernte sieben Sprachen und schaffte es vor sechs Jahren ebenfalls nach Amerika – als Projektmanagerin für den Gesundheitskonzern Quntiles. In den USA lernte die schöne, kluge Frau den österreichischen Offizier kennen und lieben. Dass sie mit vierzig Mutter wurde, sei "der Höhepunkt ihres Lebens" gewesen, sagt der Pfarrer. Der Sohn , der am Samstag ein Jahr alt wurde, heißt Markus, wie der Großvater.

Die Thüringer in Riegersburg sind still, unaufdringlich, diskret. Zwei Limousinen mit Eichsfelder und Geraer Kennzeichen schleichen vorsichtig über die engen Straßen des Dorfes. Katharina Althaus schlägt auf Fragen der Reporter nur die Augen nieder. Sie trägt einen schlichten schwarzen Anorak, versinkt fast in der Menge der Trauernden. Auch Ministerin Diezel, die sich als Erste spontan angesagt hatte, geht wortlos im Trauerzug mit. Der Gefahr, dass die Prominenten die Hauptleidtragenden an den Rand drängen könnten, war man sich offensichtlich bewusst. Aber Riegersburg hätte wohl auch ein bisschen mehr Pomp nicht übel genommen. Stolz stellt Pfarrer seinen Amtsbruder aus Deutschland vor, den Heiligenstädter Propst Heinz Josef Durzewitz, und lässt ihn mit die Totenmesse zelebrieren.

"Bei Gott ist kein Mensch namenlos", sagt der Pfarrer. Vier junge Frauen, Jugendfreundinnen der Toten, tragen Kerzen hinter dem Sarg her. Auf Slowakisch fällt kein Wort. Der Mutter der Toten, ihrer Schwester Elvira und den Freundinnen bleiben nur die Tränen, wenn sie heute etwas sagen wollen. Und Bea bleibt allein in ihrem kalten Grab zurück.

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Foto: Beata C. wurde gestern in der oststeirischen Stadt Riegersburg beigesetzt, der Heimatstadt ihres Ehemannes.

 
 

Eingefügt aus <http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0108/seite3/0013/index.html>

 
 

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