[info] War Georg von Holtzbrinck ein Profiteur der Nazis?

Lautloser als alle anderen

War Georg von Holtzbrinck ein Profiteur der Nazis? Eine Studie über die Vergangenheit des Verlegers

Thomas Schuler

Georg von Holtzbrinck legte immer viel Wert auf Diskretion. Zu seinem 60. Geburtstag 1969 wies der Verlagsgründer des gleichnamigen Medienunternehmens in der Festschrift "Das Buch zwischen gestern und morgen" darauf hin, dass "kein Literatur-Konzern lautloser gewachsen" sei. Er hielt das für eine große Leistung. Erst 1967 hätten sich Zeitungen und Magazine mit ihm beschäftigt, betonte die Festschrift. Damals aber bestand das offiziell 1948 gegründete Unternehmen immerhin bereits aus 18 Tochter- und Beteiligungsgesellschaften mit einem Umsatz von 140 Millionen Mark; 1969 erwirtschafteten die 2 400 Beschäftigten immerhin 170 Millionen Mark. Heute ist die Verlagsgruppe in mehr als 80 Ländern tätig, besitzt Buchverlage wie S. Fischer, Rowohlt, und Farrar, Straus & Giroux. Seine einflussreichen Zeitungenen wie Die Zeit, das Handelsblatt und der Tagesspiegel fühlen sich der Aufklärung der Vergangenheit verpflichtet.

Ehemaliger Parteigenosse

Nur Holtzbrincks Vergangenheit war lange Zeit ungeklärt. 1968 war im Nachrichtenmagazin Spiegel ein Artikel erschienen, der Holtzbrinck als "Ex-Pg" bezeichnete – als ehemaligen Parteigenossen der NSDAP also. Kein Journalist und kein Verlagshistoriker interessierte sich damals dafür. Erst als 1998 die amerikanische Zeitschrift Vanity Fair Holtzbrincks "dunkle Vergangenheit" thematisierte und seine Parteikarte abdruckte, rätselte die internationale Verlagswelt über Holtzbrinck. Plötzlich fragte man sich, was Holtzbrinck eigentlich im Dritten Reich gemacht hatte und ob er ein Handlanger und Profiteur der Nationalsozialisten war, wie ihm Vanity Fair vorwarf.

Daraufhin unterstützte der Verlag Holtzbrinck das Vorhaben, die Geschichte des Hauses im Dritten Reich zu untersuchen. "Unsere Familie und unser Unternehmen haben Verantwortung, die Vergangenheit zu erklären", sagte Georgs Sohn Stefan, der heutige Firmenchef, im Oktober 2002 der New York Times. Nun liegt das Ergebnis vor. Der Journalist Thomas Garke-Rothbart hat dazu seit 1998 in 30 Archiven zwischen Washington und Moskau recherchiert.

Was ist das Fundament der Unternehmensgeschichte? Georg von Holtzbrinck war seit den frühen 30er-Jahren im Verlagsgeschäft aktiv. Er begann während des Jurastudiums in Bonn und Köln in den Semesterferien als Vertreter von Zeitschriftenabonnements und war bald so erfolgreich, dass er den Neben- zum Hauptjob machte.

Schon 1931 war Georg von Holtzbrinck Mitglied im Studentenbund der Nazis geworden. Nach 1945 argumentierten seine Anwälte, die Organisation sei "damals nichts weiter als andere Studentenorganisationen auch" gewesen. Vom wirklichen Gesicht des Nationalsozialismus sei "nichts zu erkennen" gewesen, betonte Holtzbrinck. Der Studentenbund habe nicht nach dem Führerprinzip funktioniert, sondern "nach demokratischem Prinzip". Doch so harmlos war der Studentenbund nicht, meint Garke-Rothbart, immerhin wurde die NS-Studentenorganisation wegen Hetze gegen jüdische Studenten und missliebige Professoren an der Kölner Universität verboten. Mehrfach war es zu Übergriffen auf Juden gekommen. Im Gegensatz zu den beschwichtigenden Darstellungen aus der Nachkriegszeit sei zur Mitgliedschaft "ein hohes Maß politischen Engagements notwendig" gewesen, betont der Verlagshistoriker Siegfried Lokatis.

Ab 1930 warb Holtzbrinck Abonnenten für die Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart und verdiente allein 1932 rund 20 000 Reichsmark. 1933 oder 1935 trat er in die NSDAP ein, um Aufträge zu erhalten, wie er später sagte. Gemeinsam mit August-Wilhelm Schlösser gründete er eine Vertriebsfirma. Einmal wandten sie sich an die Hitlers Privatkanzlei, erhielten ein Empfehlungsschreiben und sicherten sich damit einen Vertrag mit der Deutschen Arbeitsfront (DAF), der mit 25 Millionen Mitgliedern größten und finanzstärksten NS-Massenorganisation.

Inhaltlich bediente Holtzbrinck den Massengeschmack und lag auf Parteilinie: Ohne äußeren Druck feierte er den Kriegsausbruch und den Führer und verlegte dazu 1939 eine Sonderausgabe über den Feldzug in Polen. Der Sonderband unterschied sich nicht von der offiziellen Propaganda. Holtzbrincks Schriften wurden kein einziges Mal zensiert. Es war nicht notwendig in den Augen der Machthaber.

In der Festschrift 1969 stellte Holtzbrinck eine Drohung der Reichspressekammer heraus, sein späteres Unternehmen "wegen Unzuverlässigkeit" zu schließen und schrieb es seiner "klugen Unternehmensführung" und seinem "Weitblick" zu, dass er es retten konnte. In seinem Entnazifizierungsverfahren hat er die Drohung später als politisch motivierten Druck dargestellt. Allerdings lasse sich diese Interpretation nicht halten, betont Garke-Rothbart. Vielmehr war Holtzbrinck ins Visier der Reichspressekammer geraten, weil er und seine Vertreter auch außerhalb des für sie lizenzierten Gebietes Abonnenten warben.

Garke-Rothbart sagt: "Das Verhalten Georg von Holtzbrincks war exemplarisch für das vieler mittlerer Unternehmer, die sich mit den ebenfalls mittleren und niederen Chargen der Partei- und Ministerialbürokratie … arrangiert haben." Ein bedeutsamer Handlanger von Hitler und Goebbels sei Holtzbrinck nicht gewesen. Ob er vom Einsatz durch Zwangsarbeiter profitierte, ließ sich nicht klären. Ein Kläger beschuldigte den Unternehmer 1946, Nutznießer des Naziregimes zu sein. Holtzbrinck drohte das Ende seiner Karriere. Ein Richter stufte ihn 1948 als Mitläufer ein und verurteilte ihn zu 1 200 Reichsmark, denn Holtzbrinck habe aus wirtschaftlichen, nicht politischen Motiven gehandelt. Gahrke-Rothbart dagegen fragt sich, ob Holtzbrinck "nicht doch ein Nutznießer des Systems war. In der umgangssprachlichen Auslegung des Begriffs besteht kaum ein Zweifel daran."

Private Quellen

Die Kinder und Erben, Dieter, Monika und Stefan, sehen "Belege opportunistischen Verhaltens" ihres Vaters in dem jetzt vorliegenden Bericht, betonen aber erleichtert, dass es "keinerlei Dokumente und Veröffentlichungen rassistischen Inhalts" gebe "und – trotz gewisser Sympathien in der Anfangszeit – keinerlei Hinweise auf eine aktive Parteimitgliedschaft." Die Akten stünden für weitere Forschungen zur Verfügung, sagen sie.

Garke-Rothbart hat 150 Aktenordner Material zusammengetragen und mit Holtzbrincks Kindern, Angehörigen von Geschäftspartnern und mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen. Familie Holtzbrinck machte Quellen und das Verlagsarchiv zugänglich und half, die Forschung zu finanzieren. Er habe aber eine unabhängige Darstellung verfasst, betont der Autor. Die Kinder hätten sie nicht autorisiert.

Während Bertelsmann vier Professoren, ein Dutzend Wissenschaftler und Mitarbeiter beschäftigte und öffentlich nach Zeitzeugen fahndete, arbeitete Garke-Rothbart anonym und alleine, nur unterstützt von seiner Frau und Freunden. Seine Arbeit liegt nun als Buch vor; es umfasst 248 Seiten und ist unter dem Titel "… für unseren Betrieb lebensnotwendig …" im Verlag K.G. Saur (69,95 Euro) erschienen. Lautlos und diskret.

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Familienbetrieb

Die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck mit Sitz in Stuttgart wurde offiziell 1948 gegründet. Der Verlagsgründer und Namensgeber war allerdings auch schon in den 30er- und 40er-Jahren im Verlagsgeschäft.

Georg von Holtzbrinck starb im Jahr 1983. Danach leitete sein Sohn Dieter von Holtzbrinck, seit 2001 dessen Halbbruder Stefan die Geschäfte. Halbschwester Monika leitet den S. Fischer-Buchverlag.

2006 schied Dieter aus dem Unternehmen aus und überführte sein Vermögen in eine Familienstiftung. Stefan von Holtzbrinck und Monika Schoeller teilen sich seitdem die Gesellschafteranteile.

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Foto: Als Mitläufer eingestuft: Verlagsgründer Georg von Holtzbrinck.

 
 

Eingefügt aus <http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0203/media/0002/index.html>

 
 

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