[info] Wir sind Papst

Wir sind Papst

Deutscher Sturm im Vatikan

Von Arnold Schölzel

Am Mittwoch fand die Triumphschlagzeile, mit der das Sperma- und Christenblatt Bild die Ernennung von Josef Ratzinger zum Staatschef des Vatikans und geistlichen Oberhaupt römisch-katholischer Christen zum deutsch-nationalen Koller machte, endlich ihre richtige Interpretation: Das »Wir sind Papst« heißt vor allem, daß Benedikt XVI. innerhalb dieses »Wir« ziemlich weit unten steht.

 
 

Die kollektive Singularerscheinung »wir« – dem Theologen Ratzinger in Gestalt der heiligen Dreifaltigkeit von Gottvater, Sohn und Heiligem Geist geläufig, die ja auf märchenhafte Weise landläufig als Monotheismus durchgeht – meldete sich am Montag zunächst wieder in Bild zu Wort: Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, also derjenige, bei dem sich Gott Rat zu holen hat, Mathias Döpfner, machte sich Sorgen angesichts des großen Schadens, den sein Mann in Rom »Deutschland in der Welt« zufüge, wenn er einen englischen Holocaustleugner mit Bischofshut wieder in die Kirche aufnehme, und warf die Frage auf, ob Ratzinger unfehlbar sei. Nur ganz weit oben, dort, wo Friede Springer Metaphysik treibt, herrscht die nötige Muße, um sich solchen Überlebensfragen der Menschheit widmen zu können. Und sie stellen, also ungefähr zu fragen, ob Wasser naß ist, heißt Zweifel säen. Denn Papstsein und unfehlbar sein ist dasselbe. Hat das Erste Vatikanische Konzil so beschlossen. Das war im Juli 1870, einen Tag vor dem offiziellen Beginn des deutsch-französischen Krieges. Böse Zungen behaupten, die Bischöfe hätten die Unfehlbarkeit schnell beschlossen, um schnell nach Hause zu kommen. Seitdem liegen die Päpste aller Zeiten immer richtig.

 
 

Kaum hatte Döpfner als oberste Instanz so Argwohn gestreut und angeordnet »Der Papst muß seinen Fehler korrigieren, die Entscheidung zurücknehmen und sich entschuldigen« – geschah nichts. Das »Wir« mußte noch einmal ran, allerdings mußte eine untere Instanz ran – die Bundeskanzlerin. Die protestantische Pfarrerstochter Angela Merkel sprach den Springertext nach und forderte Klarstellung und »einen positiven Umgang mit dem Judentum insgesamt«. Im Vatikanstädtchen rührte sich immer noch nichts. Am Mittwoch aber erklärte in Bild Franz-Josef Wagner, ein frommer Experte des Körperflüssigkeitsjournalismus, er habe in seiner Berlin-Charlottenburger »Lieblingskirche« für Benedikt gebetet, und gerade noch rechtzeitig verbreitete die Berliner Zeitung, daß sie für ihre heutige Ausgabe ein Interview mit dem frommen Franz Müntefering geführt habe, wo von einem »historischen Fehler« der Kirche die Rede sei, da knickten die Römer ein und forderten den Engländer zum Widerruf auf. Sie stellen damit den Holocaustleugner in eine Reihe mit Giordano Bruno, Galileo Galilei und vielen anderen. Die faschistischen spanischen Priester, die Ratzinger neulich selig sprach, bleiben selig. Und »wir« sind Döpfner, Merkel, Wagner und Müntefering.

 
 

Eingefügt aus <http://www.jungewelt.de/2009/02-05/029.php>

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