[info] ungestörte weiße Rassismuspropaganda

 

Tageszeitung junge Welt

25.04.2009 / Wochenendbeilage / Seite 3 (Beilage)

Der Schwarze Kanal: Weißer Mob

Werner Pirker
Die westliche Gemeinschaft war sich nicht einig, wie ihre Werte, zu denen sie auch den Antirassismus zählt, am besten zu verteidigen gewesen wären. Durch eine Teilnahme an der Antirassismuskonferenz in Genf oder durch deren Boykott. Israel, die USA, Kanada, die Niederlande, Italien, Polen und schließlich auch Deutschland entschieden sich für die Nichtteilnahme, der Rest der Europäischen Union wollte den Antirassismus nicht den Teilnehmern aus zurückgebliebenen Kulturkreisen überlassen. Die Rede des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmedinadschad –noch bevor sie gehalten schon als »Haßpredigt« verurteilt – löste eine Manifestation entwickelter westlicher Debattenkultur aus. Kaum daß das Wort »Israel« gefallen war, waren die Vertreter des überlegenen Wertesystems auch schon aus dem Saal gestürmt.

»Zu Recht, war doch die Rede des Präsidenten Rassismus pur«, weiß Zeit-Redakteur Josef Joffe in völliger Unkenntnis des tatsächlich gesprochenen Textes zu berichten. Dabei sei es Ahmadinedschad nicht um »diese oder jene kritik- oder verdammenswürdige Politik Israels« gegangen, »sondern um die Wiederholung zweier moderner Versionen des klassischen Antisemitismus. Erstens sei der Holocaust Mythos und Erfindung zum Zweck der Instrumentalisierung, und zweitens sei der Zionismus eine weltumspannende Krake von unwiderstehlicher Macht. Früher hieß Zionismus ›Weltjudentum‹«.

In Wahrheit hatte Ahmadinedschad den Holocaust nicht als Mythos bezeichnet und schon gar nicht als Erfindung. Er verwies vielmehr auf den jüdischen Leidensweg als Vorgeschichte der Gründung des zionistischen Staates. Doch will er den europäischen Judenmord nicht als Rechtfertigung für den Rassismus, den Israel die Palästinenser auf grausame Weise spüren läßt, gelten lassen. Zudem hatte der iranische Präsident den Zionismus konkret als eine auf der Vertreibung und Entrechtung der Palästinenser beruhenden Staatsdoktrin verurteilt und nicht als »weltumspannende Krake von unwiderstehlicher Macht«. Nachdem Joffe alle Stereotypen des europäischen Antisemitismus bemüht und Ahmadinedschad untergeschoben hat, ist es ihm ein leichtes, Weltjudentum und Zionismus in eins zu setzen und damit auch die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus zu behaupten.

Die Hysterie, mit der die Vertreter des aufgeklärten Abendlandes Kritik an Israels nationaler Unterdrückungspolitik von der Antirassismusagenda abgesetzt wissen wollten, sollte zu denken geben. Es ist der in Europa kreierte, in den faschistischen Vernichtungslagern zum ultimativen Rassenwahn gesteigerte Antisemitismus, den Europa nun im Nahen Osten als den übelsten Auswuchs zeitgenössischen Rassismus zu bekämpfen meint. So läßt sich das rassistische Projekt der Rekolonialisierung auch noch antirassistisch begründen. Die bedingungslose Verteidigung des in tödlicher Feindschaft zur arabischen nationalen Emanzipation verharrenden Staates Israel folgt in Wahrheit der Absicht, den Kolonialismus als Ganzes zu rehabilitieren.

Auf der Genfer Konferenz, auch Durban II genannt, sollte Durban I vergessen gemacht werden. Im südafrikanischen Durban war Israel als Apartheidstaat benannt worden, in der Schweiz fand die israelische Politik gegenüber den Palästinensern in der vorab ausgehandelten Schlußresolu­tion keine Erwähnung mehr. Während sich die postkolonialen Länder nach politisch korrekter Lesart als die Verursacher aller Widerwärtigkeiten auf der Welt – von Frauenfeindlichkeit und Homophobie bis zum Genozid – bloßgestellt sehen, sollen die Verbrechen des weißen Rassismus außerhalb des Antirassismusdiskurses gestellt werden.

Sowohl der Boykott der Konferenz als auch die Störaktionen des weißen Mobs auf ihr sind ein Ausdruck der westlichen Geringschätzung der Vereinten Nationen. Hannes Stein, ein Mann von (der) Welt, läßt seinem Dünkel gegenüber einer Organisa­tion, die wenigstens formal einem egalitären Anspruch folgt, freien Lauf. Durban, meint er, sei ein Judenpogrom im Diplomatenanzug gewesen. Und die Nachfolgekonferenz? »Ganz zufällig ist der 20. April auch jener Tag, an dem Adolf H. in Braunau das Licht der Welt erblickte«, schreibt Stein: »Die UNO feierte in Genf also Führers Geburtstag.« Damit wäre auch klargestellt, woher die neofaschistische Gefahr droht. »Raus aus der UNO!« fordert deshalb der Welt-Autor. »Wir im Westen«, schreibt er, »sollten uns überlegen, durch welch bessere Organisation wir sie ersetzen sollten«. Denn nur über eine Organisation, in der es keinen Zutritt für Bloßfüßige gibt, läßt sich die weiße Antirassismusagenda ungestört durchsetzen.

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