[info] „Die Deutschen und ihre Mythen“

 

Tageszeitung junge Welt

23.04.2009 / Feuilleton / Seite 13

Mythos Markt

Tod durch geistige Vergiftung: Zu Herfried Münklers Buch »Die Deutschen und ihre Mythen«

Dieter Kraft
In der Politik werden Skandale vollends unerträglich, wenn sie gar nicht als solche wahrgenommen werden. Herfried Münkler hat für sein Buch »Die Deutschen und ihre Mythen« obendrein den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 erhalten. Ein dreifacher Skandal, der einen tiefen Einblick in die politische und kulturelle Verfaßtheit der Bundesrepublik Deutschland gewährt. Es ist ein Blick in den Abgrund, denn was den Juroren als »Sachbuch« preiswürdig erschien, das ist der Sache nach eine ausführlich vorgetragene Abdankung gesellschaftlicher Vernunft und politischer Rationalität. Neu ist solche Abdikation nicht. Sie gehört essentiell zu einer Gesellschaft, deren Marktanarchie schließlich auch den Algorithmus des Denkens bestimmt und in Zeiten der Krise zu den abenteuerlichsten Herrschaftsstrategien greift. Prämiert wird, wer solche anzubieten weiß.

Wer in Münklers »Sachbuch« die Einleitung überschlägt, bis zu den Schlußkapiteln nicht mehr vordringt und noch nie etwas über deutsche Mythen gehört hat, der könnte zunächst Gewinn machen. Denn es wird übersichtlich zusammengetragen, was in der Geschichte der Deutschen so alles sein mythisches Un/Wesen getrieben hat: Barbarossa, die Nibelungen, Doktor Faustus, die Schlacht im Teutoburger Wald – und irgendwie auch Luther und Friedrich und Luise und natürlich Preußen und auch Weimar und dann Nürnberg und dann der Rest. Geschichten und Wirkungsgeschichten, die bekannt sein und auch werden sollten – um kritisches Bewußtsein zu entwickeln und auch Widerständigkeit. Eigentlich eine passable Vorlage, um das politische Immunsystem zu stärken. Doch Münkler ist kein Mediziner. Er ist ein deutscher Professor für Politikwissenschaft – und, wie die Süddeutsche Zeitung vom 10. März diesen Jahres verrät, ein »gefragter Politikberater«.

Dann aber wird die Einleitung doch wichtig, und erst recht das Schlußkapitel, das mit seinem programmatischen Achtergewicht Mißverständnisse gar nicht erst aufkommen läßt. Und ganz unmißverständlich will Münkler einfach dieses sagen: Die Frage nach den Mythen der Deutschen ist von neuer Dringlichkeit, weil die Deutschen ganz dringend neue Mythen brauchen. »Vermutlich ist das einer der wichtigsten Beiträge, den politische Mythen zur Stabilität von Staaten und Nationen leisten: daß sie Selbstvertrauen und Selbstsicherheit schaffen, die nicht auf spektakuläre Aktionen oder große Reden angewiesen sind, sondern den festen und zuverlässigen Untergrund für den Umgang mit alltäglichen wie außergewöhnlichen Herausforderungen bilden.« (S. 483)

Es ist kaum zu glauben, daß solche deutschen Texte zweitausend Jahre nach der von Cicero hochgeschätzten Mythenkritik des Römers Lucretius noch möglich sind. Lucretius empfahl seinen Römern, der drohenden Staatsanarchie mit Mythenverzicht zu begegnen und dem politischen Chaos mit gesellschaftlicher Vernunft. Gehört hat man auf ihn nicht. Und es folgte die kaiserliche Militärdiktatur. Münkler empfiehlt der deutschen Politik, massenwirksame Mythen zur Geltung zu bringen, wenn Staat und Gesellschaft in die Krise kommen. Was aber folgen dürfte, wenn die Deutschen zum Mythos greifen, kann man bei ihm recht ausführlich nachlesen. Ein eigenartiger Widerspruch.

Wer noch immer nicht gemerkt haben sollte, welch große Rolle Märchen in der Politik spielen, dem wird das jetzt von einem wirklichen Fachmann genauestens erklärt. Unter Zauberkünstlern gibt es ein ehernes Gesetz: niemals und unter keinen Umständen verraten, wie der Trick funktioniert! Jetzt kennen wir das Staatsgeheimnis der Mytheninstrumentalisierung. Und so könnte Münklers Buch erfreulich kontraproduktiv wirken.

Daß Münkler zwischen politikwirksamer Mythisierung und politischer Tradition zu unterscheiden weiß, wird niemand ernsthaft erwartet haben. Schließlich ließe sich dann der Antifaschismus der DDR nicht als »Gründungsmythos« desavouieren. Aber wirklich böse wird es, wenn Münkler erzählt, warum nach dem Anschluß der DDR ein Holocaust-Mahnmal aufgestellt wurde: »Mythenpolitisch betrachtet, ging es darum, die Funktion, die der Mythos des antifaschistischen Widerstands für die DDR hatte, an die das wiedervereinigte Deutschland jedoch nicht anknüpfen konnte und wollte, neu und überzeugend zu besetzen. … All diese Aufgaben übernahm das Holocaust-Mahnmal am Brandenburger Tor, und dementsprechend groß und unüberschaubar mußte es angelegt werden. Einmal mehr hat der damalige Bundeskanzler Kohl hier ein symbolpolitisches Gespür bewiesen…« (S. 481)

Soviel Klartext ist nur schwer zu ertragen: Das Holocaust-Mahnmal soll, »mythenpolitisch betrachtet«, nicht der jüdischen Opfer des Faschismus gedenken, sondern den vorgeblichen Gründungsmythos der DDR kompensieren! Wenn die Erregung etwas nachgelassen hat, stellt sich bei dieser Abgründigkeit allerdings auch die Erkenntnis ein, daß die bundesdeutsche Politik den Antifaschismus in der DDR durchaus nicht als »verordnet« ansah, sondern ihn für so authentisch hielt, daß sie ihre Legitimation meinte mit ihm verknüpfen zu müssen. Nach Münklers Mahnmal-Enthüllung müßte jetzt nur noch recherchiert werden, welche Dienste damit beauftragt waren, Szenarien zu entwickeln, mit denen sich der Neofaschismus ausgerechnet auf dem Boden der angeschlossenen DDR vorführen ließ.

Naheliegend ist aber auch zu fragen, warum der Sachbuchautor den eigentlichen und fatal wirksam gewordenen bundesrepublikanischen Gründungsmythos einfach unterschlägt. Der Mythos »Markt« kommt bei Münkler jedenfalls nicht vor. Das ist um so merkwürdiger, als doch gerade dieser »Markt« mit einer »Großerzählung« ausgestattet wurde, die nun wirklich das Zeug für einen ausgewachsenen Göttermythos hergibt: Ein freier Markt, der alles richtet und lenkt, die Fleißigen belohnt und selbst die Faulen noch ernährt, unüberwindbar, unabschaffbar, alles ordnend mit seiner freiheitlich-demokratischen Grundordnung, alles bestimmend, niemanden von seinen Gesetzen verschonend, doch ganz viel Wohl und Freiheit versprechend all jenen, die sich seinen Zwängen unterwerfen. Und wer sich weigert, vor ihm in die Knie zu gehen, dem ist das Anathema sicher. Zeus & Co. lassen grüßen. Aber gemessen an den unendlich vielen Menschenopfern, die dieser »Markt« tagtäglich und Jahr für Jahr und weltweit fordert, nehmen sich die archaischen Götter geradezu harmlos aus.

Es kann nicht sein, daß Münkler dieser Mythos von dem sich selbst und auch alles andere regulierenden »Markt« entgangen sein sollte. Schließlich kennt auch er die berühmt gewordene Studie »Mythen des Alltags« (1957, dt. 1964), in der der Franzose Roland Barthes den charakteristischen Zusammenhang von Mythos und bürgerlicher Gesellschaft und die große Erzählung von eben jener »bürgerlichen Gesellschaft« als Mythos enthüllt hat. Aber diese fundamentale Erkenntnis wird von Münkler einfach eskamotiert.

Dafür muß es triftige Gründe geben. Und die werden gegenwärtig immer transparenter in einer Situation, in der der »Markt« seinen Mythos zu verlieren beginnt und seine Hoheitstitel ablegen muß. Der König zieht sich aus, und der Götze wackelt. Da darf man als Politikberater nicht nachtreten. Offenbar rechnet auch Münkler damit, daß der Mythos »Markt« nicht mehr zu halten ist. Also redet er nicht weiter darüber, sondern fordert die Politik auf, nach mythischen Versatzstücken zu suchen, bevor andere die Erzählung vom Paradies wiederentdecken. »Die politische Zukunft eines Gemeinwesens hängt in hohem Maße davon ab, wer über diese Großerzählungen verfügt. Das demonstrative Desinteresse, das man in Deutschland zuletzt gegenüber dieser Frage bekundet hat, wird man sich in Zukunft schwerlich leisten können.« (S. 490)

So der Textschluß des »Sachbuches«, und irgendwie klingt er bedrohlich. Allein schon die Vorstellung, daß die Politik in der Mythengeschichte der Deutschen nun noch gründlicher stöbern wird, um einen Ersatz für den Mythos »Markt« zu erfinden, ist furcht­erregend. Fündig ist sie ja bereits geworden – und der Teutoburger Wald zum Hindukusch. Was Roland Barthes als toxisch diagnostiziert hat, führt mit einer neuen Mythotherapie zum Tod durch geistige Vergiftung. Das Sterben danach ist dann nur noch eine Frage der Zeit.

Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen. Rowohlt Verlag, Berlin 2009, 606 Seiten, 24,90 Euro
  • jW veröffentlicht den ersten Teil eines Aufsatzes, der in der Zeitschrift TOPOS (Nr. 31) »Mythologie« im Sommer erscheinen wird, als Vorabdruck
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