[info] Zivilisiert die Religion!

Zivilisiert die Religion!

Warum der Religionsunterricht nicht Sache der Glaubensgemeinschaften bleiben darf

Rolf Schieder

Sind Religionen gefährlich? Religionen sind lebensgefährlich. Bei vielen Konflikten dieser Welt wirken sie wie Brandbeschleuniger. Nimmt man die Greueltaten der politischen Religionen des 20. Jahrhunderts hinzu, dann ist die Diagnose eindeutig: Religionen sind so lebensgefährlich wie die Elektrizität oder das Feuer. Richtig genutzt entfalten sie eine segensreiche, falsch eingesetzt entfalten sie eine zerstörerische Wirkung.

Wie können die Gefahren, die von den Religionen ausgehen, minimiert, und wie kann ihr Nutzen maximiert werden? Der Königsweg ist die Zivilisierung der Religionen durch Bildung. Religiöse Menschen, die mit der Geschichte und den Grundlagen ihrer Religion vertraut sind, sind weniger leicht manipulierbar und weniger leicht für politische Zwecke instrumentalisierbar. Religiös gebildete Menschen haben gelernt, die Geltungsansprüche ihres Glaubens zu begrenzen. Meine Überzeugung ist nur für mich bindend, nicht aber für andere. Religiös gebildete Menschen müssen deshalb strikte Verteidiger der Religionsfreiheit sein, denn sie wissen, dass ihre eigene Religionsfreiheit auch die Religionsfreiheit der anderen ist. Sie können zwischen Religion und Politik unterscheiden. Sie bemühen sich darum, ihre religiöse Tradition in die vorfindliche Kultur einzubetten – ohne freilich das kritische Potenzial dieser Tradition aufzugeben.

Religion war nie Privatsache, und sie wird auch in den kommenden Jahrzehnten weltweit ein öffentlicher Faktor bleiben. Es hat also wenig Sinn, sich dem unrealistischen Wunschdenken hinzugeben, die Religion verliere mit der Zeit an Einfluss. Der Einfluss des Katholizismus etwa hat im Zuge der Modernisierung enorm zugenommen. Aber auch vor einem politischen Kampf gegen die Religionen muss eindringlich gewarnt werden. Aus Kulturkämpfen gehen in der Regel die Religionen, nicht die Politik, gestärkt hervor. Statt Konfrontation ist Kooperation der kluge religionspolitische Weg, die positiven Funktionen der Religionen zu fördern.

Am 26. April 2009 sind die Berlinerinnen und Berliner dazu aufgerufen, einer Reform des Paragrafen 13 des Berliner Schulgesetzes zuzustimmen oder aber diese abzulehnen. Wer mit "Nein" stimmt, der sagt automatisch "Ja" zum derzeit geltenden Paragrafen 13, dessen erster Satz so lautet: "Der Religions- und Weltanschauungsunterricht ist Sache der Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften." Mit anderen Worten: Der Staat fühlt sich für die Qualität des Unterrichts, für die Lehrpläne und die Lehrmittel, vor allem aber für die Ausbildung der Lehrkräfte nicht verantwortlich. Zwar müssen die Lehrkräfte ausreichende Deutschkenntnisse nachweisen und auch irgendein Hochschulstudium vorweisen, von einem staatlichen Qualitätsmanagement kann aber keine Rede sein. Dass dieser Unterricht, auf den der Staat keinen Einfluss nehmen will, gleichwohl mit bis zu 90 Prozent finanziert wird, ist kein besonders sorgsamer Umgang mit Steuergeldern.

Wer den Religionsunterricht sich selbst überlässt, der nimmt billigend in Kauf, dass – wie es das Berliner Verwaltungsgericht in seinem Urteil vom 20. August 2001 formulierte – "die Religionslehrer aus ihrer religiösen Überzeugung heraus punktuell von der Verfassung abweichende Standpunkte vertreten dürfen", denn es obliege "allein und ausschließlich der den Unterricht veranstaltenden Kirche, Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft zu bestimmen, welche religiösen und dazu in Beziehung stehenden Inhalte sie in welcher Form und mit welchen didaktischen Methoden zu vermitteln gedenkt." Solch ein Unterricht ist ein pädagogisches Desaster. Er ist und bleibt ein Fremdkörper an der Schule. Anstatt die religiöse Bildung zu koordinieren und in das Schulcurriculum zu integrieren, glaubt der Berliner Senat, es sich leisten zu können, die religiöse Bildung den Religionsanbietern selbst überlassen zu können. Das ist fahrlässig.

Ein kluger Staat investiert im Interesse des Religionsfriedens in religiös und interreligiös gebildete Bürger – nicht zuletzt angesichts von 42 Prozent Kindern mit Migrationshintergrund. Kein anderes Bundesland stiehlt sich so aus seiner religionspädagogischen Verantwortung wie Berlin. Nehmen wir Nordrhein-Westfalen als Beispiel. Das Landesinstitut für Schule in Soest erarbeitet in Kooperation mit den Religionsgemeinschaften die Lehrpläne für den Religionsunterricht, die das Ministerium für Schule, Jugend und Kinder verbindlich erlässt. Die Religionslehrkräfte werden an staatlichen Universitäten ausgebildet und als Beamte des Landes auf die Verfassung vereidigt. Für die didaktische Qualität des Religionsunterrichts trägt der Schulleiter die Verantwortung. Diese vernünftige Kooperation, die sich hinter der Formulierung "ordentliches Lehrfach" verbirgt, dient sowohl dem Gemeinwesen wie auch den Religionsgemeinschaften. Der Staat betreibt mit dem Angebot religiöser Bildung Fundamentalismusprophylaxe, und die Religionsgemeinschaften müssen die religiöse Bildung nicht alleine schultern, sondern werden vom Staat dabei unterstützt.

Die Gegner einer Reform des Paragrafen 13 schreckt die Vorstellung von einem potenziell verfassungswidrigen Religionsunterricht ohne jede staatliche Qualitätskontrolle nicht, denn sie glauben, dass der neu eingeführte Ethikunterricht imstande ist, die Probleme, die die zunehmende religiöse Pluralisierung in der Stadt erzeugt, zu kompensieren. Dabei übersehen sie aber, dass ethische Bildung eines, religiöse Bildung aber etwas anderes ist. Selbstverständlich ist es gut, wenn Ethiklehrkräfte den Kindern Kants kategorischen Imperativ und dessen Probleme beibringen können. Aber Ethiklehrkräfte sind schlicht überfordert, wenn sie Prozesse religiöser Bildung anleiten, begleiten und moderieren sollen. Der neue Gesetzentwurf, der zur Abstimmung steht, sieht die Kooperation von Ethik- und Religionsunterricht übrigens ausdrücklich vor.

Der Staat ist gut beraten, seine heranwachsenden Bürgerinnen und Bürger im sachgerechten Umgang mit Religion auf didaktisch hohem Niveau anzuleiten. Staatliche Verantwortungslosigkeit auf dem Feld der religiösen Bildung ist genauso gefährlich wie es der Rückzug des Staates aus der Regulierung globaler Finanzmärkte war. Religionspolitisch weitsichtige Religionskritiker stimmen deshalb am 26. April 2009 für die Reform des Paragrafen 13.

Rolf Schieder lehrt an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Religionspädagogik. Bei der Berlin University Press erschien sein Buch "Sind Religionen gefährlich?" (332 S., 29,90 Euro).

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Wie können die Gefahren, die von den Religionen ausgehen, minimiert werden?

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Foto: "Jeder nur ein Kreuz, bitte": Im spanischen Malaga wird am Gründonnerstag eine Christus-Statue auf einen Thron gehoben.

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0411/feuilleton/0010/index.html

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