[info] Ungesühnte Nazijustiz in der BRD

Tageszeitung junge Welt

06.03.2009 / Thema / Seite 10

»Es war eine Bombe«

Interview. Der Antifaschist Reinhard Strecker veröffentlichte 1961 ein Buch zur Nazivergangenheit des damaligen Staatssekretärs Hans Globke. Kürzlich erschien eine Arbeit zu Streckers Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz«, die Ende der 1950er Jahre zu sehen

Sabine Lueken und Dr. Seltsam
Der Sprachwissenschaftler Reinhard Strecker, geboren 1929, war Mitglied des SDS in Berlin schon Anfang der 60er Jahre. Er deckte als einer der ersten die Vergangenheit der sich mit der BRD-Gründung wieder etablierenden Nazijuristen auf. Das Interview führten die Historikerin und Journalistin Sabine Lueken und Dr. Seltsam.

Lieber Reinhard Strecker, Sie sind jetzt fast 80 Jahre alt. Vor kurzem erschien eine wissenschaftliche Darstellung Ihres Kampfes gegen all die Nazirichter, die in der Bundesrepublik nie bestraft worden sind und Ihres Kampfes gegen Hans Globke, den ehemaligen Mitverfasser des Kommentars zur deutschen Rassengesetzgebung und späteren Ministerialdirektor und Staatssekretär im Bundeskanzleramt unter Konrad Adenauer. Wir meinen das Buch von Stefan Glienke »Die Ausstellung ›Ungesühnte Nazijustiz‹«.1 Wie empfinden Sie es, daß so ein Buch erst jetzt nach fast fünfzig Jahren erscheint?

Das ist eine gewisse Rehabilitation durch die Wissenschaft gegen die jahrzehntelangen Anwürfe des Bundespresseamts und vieler ähnlicher Feinde.

Manche Leute wissen gar nicht, daß Ihre Arbeit Ende der 50er Jahre der Startschuß für die antinazistische Geschichtsaufarbeitung im Westen gewesen ist. Damals haben Sie in verschiedenen Universitätstädten der BRD die Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« organisiert und dort erstmals gezeigt, daß Nazirichter nicht nur niemals verfolgt worden sind, sondern im Gegenteil wieder in Amt und Würden waren.

Die Berliner Freie Universität war die erste, die die Vergangenheit ihrer Fächer und Professoren zum Thema machte, eine Vorlesung zu den Universitätstagen »Braune Universität«, das hatte ich im Konvent durchgesetzt. Alle Fachbereiche haben mitgemacht, außer den Juristen. Da mußte man wohl etwas nachhelfen. Tübingen und Marburg haben das einige Jahre später nachgeholt. Rolf Seliger brachte dann unter diesem Titel eine Heftreihe über die Münchner Hochschulen heraus. Unsere erste große Ausstellung fand in Karlsruhe im November 1959 statt, wegen der geplanten Debatte im Stuttgarter Landtag »Keine Prozesse gegen NS-Täter« und um Bundesanwalt Max Güde zu einer Stellungnahme zu bewegen. Für jeden Ausstellungsort suchten wir örtliche Nazirichter heraus, es gab ja überall welche.

Wie sind Sie an diese Materialien gekommen?

Ich erhielt Unterstützung aus Warschau, vom Generalstaatsanwalt, und von dem Leiter Professor Goldschmidt erhielt ich freien Zugang zu allen polnischen Staatsarchiven. Und aus London, vom Vorstand der Labour Party. Ich war ja aus Paris als entschiedener Antistalinist, als so eine Art sozialistischer Anarchist zurückgekommen. Und es gab in Oxford, in Cambridge, im Londoner Unterhaus ein »Strecker Committee«, initiiert von zwei englischen Studenten, die in Berlin gewesen waren und mich gut kannten. Aus der »Baracke« in Bonn, dem Bundesvorstand der SPD, wurden zwei Emissäre zur Labour Party geschickt, um sie vor mir zu warnen, ich sei ein »bezahlter oder unbezahlter Kommunist«.

Haben Sie auch Hilfe aus der BRD bekommen?

Nein, sogar nach Eingang der Globke-Klage nichts! Ich hatte mich an das Staatsarchiv Nürnberg gewandt, dort lagen die Akten der Nürnberger Prozesse; und am Nachmittag an das Institut für Zeitgeschichte in München, und der Leiter des Archivs sagte mir am Telefon: »Wir haben gerade eine Sitzung über Sie, ob wir Ihnen überhaupt etwas geben dürfen.« Von beiden habe ich kein Blatt bekommen!

Kann denn nicht jeder Bürger die Akten einsehen?

Ursprünglich gab es von allen Nürnberger Dokumenten je eine Kopie in Berlin beim Alliierten Kontrollrat, aber dieses Berliner Hauptarchiv BHA ging irgendwann still und heimlich nach Koblenz zum Bundesarchiv, damit nur noch Bonn genehme Historiker da ran kamen.

Sie hatten ein eigenes Archiv?

Ich kam aus Paris und wollte eigentlich nicht in Deutschland bleiben. Meinen Eltern gegenüber habe ich argumentiert: Hier kann sich alles schnell wiederholen, die Nazis sitzen schon wieder überall, und zur Begründung hatte ich eine Nazi-Verbrecherkartei angefangen. Da kamen Leute aus dem SDS zu mir und sagten, du gehörst doch eigentlich zu uns, du müßtest doch bei uns Mitglied sein. Ich sagte, gut, das mache ich sofort unter einer Bedingung: daß jeder von euch mindestens 14 Nächte an dieser Nazi-Verbrechens- und -Verbrecherkartei mitarbeitet, die ich gerade aufzubauen begann.

Das war im SDS Berlin. Der gehörte damals noch zur SPD?

Die SPD hat sich erst später getrennt und dann die Unvereinbarkeit erklärt und hat sich dabei auf drei Gründe bezogen: Eins war die angebliche kommunistische Unterwanderung des SDS durch Elemente wie den Bundesvorsitzenden Oskar Hüller, den Pressereferenten Gerhard Bessau und mich. Und das zweite war, daß der SDS sich auf meine Aktivitäten eingelassen hat.

Aber Sie waren ja gar nicht kommunistisch, also war diese Ausstellung der letzte Stein für die SPD, sich vom SDS zu trennen?

Das glaube ich nicht, aber es wurde zur Begründung herangezogen, benutzt.

Wir haben diese Ausstellung nicht gesehen. Was haben Sie dort dargestellt? Man kann ja Kriegsverbrechen der Justiz eigentlich immer nur aktenmäßig darstellen, oder gab es Bilder?

Bilder ganz wenige; einige Fotos aus dem Pecek-Palais, dem Prager Sitz der Gestapo, mit den Folterinstrumenten, um klarzumachen, wie die Aussagen entstanden sind, auf die Nazirichter ihre Urteile gründeten. Es war eigentlich eine ausstellungstechnisch schlechte Ausstellung, denn es wurde verlangt, daß die Leute Akten lasen. Das waren Akten von Strafverfahren und auch ein paar Personalakten, jeweils nur in Teilen. Damals kostete eine DIN-A-4-Kopie noch etwa zwei Mark; das war sehr viel Geld. Für eine ganz dünne Akte mußte ich ein bis zwei Tage studentische Hilfsarbeit leisten, die ich aber auch erst über die studentischen Jobbörsen »Heinzelmännchen« oder »Tusma« finden mußte.

Sie haben alles selbst finanziert?

Kleine Spenden kamen von Ausstellungsbesuchern. Ich habe große Schulden aufgenommen. Dadurch ist meine Rente sehr viel geringer, als sie sonst hätte sein können. Zweitens habe ich natürlich lange gebraucht, um von den Schulden herunterzukommen oder mir andere Zusatztätigkeiten zu besorgen.

Ist Ihnen durch diese Ausstellung und die damit verbundene Prominenz im negativen Sinne eine akademische Karriere verbaut worden?

So habe ich es nie betrachtet, aber ich glaube schon. Ich hatte Einladungen nach Israel, ich hätte mich jederzeit dort um Arbeit bemühen können. Das wäre kein Problem gewesen, aber meine Familie wollte nun mal in Deutschland bleiben, und erst als auf internationalen Druck die Prozesse endlich losgingen, bin ich dann hiergeblieben. Vorher fand ich, daß man als anständiger Mensch nicht in Deutschland leben dürfte und Kinder großziehen.

Nach der Ausstellung haben Sie verschiedene Bücher geschrieben, u. a. über Globke, den Kommentator der Judengesetze unter Hitler.

Es gab mehrere Kommentatoren, auch Wilhelm Stuckart. Wesentlich ist, daß Globkes Kommentar sich strafverschärfend benutzen ließ.

Und genau dieser Globke wurde dann der höchste Beamte der BRD, Adenauers Staatssekretär …

Es fängt ganz anders an. Nach dem Preußenschlag2, dem Putsch von Hindenburg und Papen gegen die preußische Regierung am 20. Juli 1932, hat die Reichsregierung das Land Preußen, also zwei Drittel des Reiches, quasi annektiert und dann die ersten virulent antisemitischen Runderlasse herausgegeben. Und diese Runderlasse arbeitete ein junger Mann im Innenministerium aus: Das war Globke!

Und Göring war sein Chef?

Nein, nein! Das war lange vor Beginn der Nazi-Ära, das ist ja gerade das Ungeheuerliche. Hermann Göring war damals Reichstagspräsident.

Globke war ein profunder Verwaltungbeamter, auf den man immer gerne zurückgriff?

Er gab sich immer gerne als sehr gläubiger Katholik aus, und er konnte seinen Antisemitismus mit seiner Religion gut verbinden. Das war ganz comme-il-faut.

Und deswegen hat Adenauer ihn auch eingestellt, oder gab es da noch untergründige Geschichten?

Da gab es noch sehr viel mehr. Aber das wesentliche ist, Globke hat die ersten antisemitischen Erlasse der Reichsregierung ausgearbeitet und durchgesetzt. Die erlangten noch vor Hitler Gesetzeskraft. Ich habe es in meinem Globke-Buch abgedruckt. Wenn man das zusammenfaßt, hieß es: Juden sollen sich hinter keinem deutschen Namen mehr verstecken können. Das hat er nachher verschärft. Er blieb 1933 Ministerialrat, keine großartige Karriere zunächst, wurde aber »uk« gestellt …

Das heißt »unabkömmlich«, er war also sicher und konnte nicht eingezogen werden …

… und vom 1. September 1939 an geschützt und bekam größere Zuständigkeiten. Der Krieg hatte ja bekanntlich im August anfangen sollen, aber Hitler bekam kalte Füße und sagte, das Ausland müsse erst davon überzeugt sein, daß die Schuld bei Polen läge. So gab es den inszenierten Überfall auf den Reichssender Gleiwitz, und Hitler konnte verkünden: »Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen.«

Aber da hatte er die Hauptarbeit schon getan: Die Nürnberger Gesetze kamen doch 1935 schon, der Kommentar dann 1936 …

Die ersten Kommentatoren sind immer die Leute, die das Gesetz mit ausgearbeitet haben. Globke hat es bestritten, aber es gibt für mich keinen Grund, daran zu zweifeln, daß er an der Ausarbeitung beteiligt war, er hätte sonst nie die ersten Kommentare schreiben können.

Man kann ihn wohl zu Recht als antisemitischen Verbrecher bezeichnen?

Oh ja. Ein Schreibtischtäter.

Ohne ihn hätte es diese vollkommen perversen Einteilungen in Halbjuden, Vierteljuden, Dreivierteljuden, diese Berechnung hätte es nie gegeben?

Nein, nein, der Antisemitismus war schon in der NSDAP von Anbeginn die Linie, das Rückgrat der NSDAP. Auch mit dieser rassistischen Einteilung in Prozentdeutsche, genetische Imprägnierung und das ganze eklige Zeug.

Und genau dieser Globke wurde dann Staatssekretär unter Adenauer, der höchste deutsche Beamte?

Er war schon früher wieder im Amt, aber vom zweiten Kabinett an war er der Staatssekretär Adenauers im Bundeskanzleramt. Er verstand sein Amt so, daß ihm sämtliche Bundesministerien unterstellt seien – und alle drei Geheimdienste, das unterstand alles ihm direkt. Beweis: Sein Nachfolger im Amt, Karl Gumbel, hat eine Antrittsrede gehalten, als Globke mit Adenauer zusammen verschwinden mußte – 1963, als Adenauer nicht weiter kandidierte3 – und hat dabei betont, daß er anders als sein Vorgänger den Bundesministerien mehr Freiheit geben würde, vor allem in bezug auf Personalentscheidungen. Denn sein Vorgänger, sprich Globke, habe sich ja noch jede einzelne Personalentscheidung – egal in welchem Ministerium und egal auf welcher Dienstranghöhe – persönlich vorbehalten!

Globke beförderte jeden Beamten persönlich, war also Adenauers Diktator, kann man das sagen?

Adenauer war nur interessiert an der Weltgeltung Deutschlands. Alles andere überließ er seinem Staatssekretär.

Also eine unglaubliche Macht für den Judengesetzkommentator. Eigentlich hatte doch die BRD ein Legitimationsproblem, nicht die DDR! – Als Sie das rausbekommen haben, gab es da schon Angriffe der DDR gegen Globke?

Nein, die DDR kam etwas später, denke ich mich zu erinnern. Zuerst war da die VVN, eine gemeinsame Organisation in West und Ost. Sie wurde im Januar 1953 in der DDR aufgelöst, ersetzt durch das »Komitee der Antifaschistischen Widerstandskämpfer«. Die VVN war in einigen Bundesländern auch verboten, aber in anderen bestand sie und war aktiv. Ich erinnere mich besonders gut an das, was ein ehemaliger Verfolgter, Sauer, in Stuttgart machte, der anfing mit kleinen Publikationen über »NS-Verbrecher wieder im Amt«. Erst später hat das auch die DDR gemacht. Aber lange vor Sauer hatte es ein junger Offizier gemacht, der im Zweiten Weltkrieg schwerstverwundet war, also nicht mehr fronttauglich, er wurde dann als Kurier im Auswärtigen Amt benutzt. Und er war, als die erste Bundesregierung zusammengestellt wurde, sehr erstaunt darüber, wer alles von den Naziverbrechern im Auswärtigen Amt wieder dabei war und hat eine Serie von drei oder fünf Artikeln herausgegeben und Rundfunkvorträge gehalten.

Wie hieß dieser tapfere Offizier?

Michael Mansfeld, das war sein Pseudonym. Ich kannte ihn gut, habe ihm auch zugearbeitet, später. Weil er der erste war, der so etwas machte, kam er auch noch an die ganzen Archive im Westen ran. Er hat erreicht, daß der erste Bundestag eine Untersuchungskommission zur Personalpolitik im Auswärtigen Amt einsetzte, die zu sehr milden Urteilen kam, aber immerhin etliche Beamte für völlig untragbar hielt. Schon der nächste Bundestag hielt sich nicht mehr daran. Als man einen dieser Untragbaren zum Unterstaatssekretär machen wollte, mußte der zweite Bundestag darüber, weil es diesen Posten nicht gab, per Gesetz entscheiden, was er dann auch tat, und zwar zugunsten der Nazis.

Wann erschien Ihr Buch und wie hieß es genau? Ist es noch erhältlich?

Dr. Hans Globke. Aktenauszüge und Dokumente, Verlag Rütten und Loening, damals in Hamburg, erschien 1961, mit knapp 300 Seiten das erste dicke politische Taschenbuch. Es ist heute natürlich vergriffen, und der BND versuchte es zu stoppen.

Wie bitte? Der BND ist doch ein Geheimdienst nur für das Ausland, wie kann der denn dafür sorgen, daß das Buch am deutschen Büchermarkt nicht erscheint?

Globke hatte an BND-Chef Reinhard Gehlen eine größere Summe Geldes anweisen lassen. Mir gegenüber wurde immer behauptet: 50000 D-Mark. Das stünde auch in einem Kommentar zu den Erinnerungen Gehlens. Ich habe das nie überprüft. Gehlen hatte den Auftrag, das Erscheinen meines Globke-Buches zu verhindern. Mit Geld kann man viel erreichen. Man hat mir berichtet, daß der Bertelsmann-Konzern, zu dem der Verlag gehörte, erpreßt wurde, keine Bundesinstitution würde in Zukunft ein Buch des Konzerns kaufen, wenn mein Buch nicht verschwände.

Das ist aber nicht geschehen, wie man heute weiß.

Doch, zum Teil schon: Der Konzern entwickelte offensichtlich ein aktives Desinteresse gegenüber diesem Buchprojekt. Ich konnte nichts fotokopieren, sondern mußte mit Schere und Klebstoff zweimal durch meine Originalkopien gehen. Ich hatte zwei Fünftel des Materials wegtun müssen, es war viel zu voluminös.

Aber eine Bombe war es trotzdem?

Natürlich war es eine Bombe. Der erste Antrag auf einstweilige Verfügung ging beim Konzern ein, noch während das Buch auf der Rotation war. Das Gericht verlangte vom Konzern ein Exemplar. Und das kriegte es und dann stellte es fest: Nicht eine Seitenzahl stimmte mit der Klageschrift überein. Offenbar hatte sich der BND die ersten Druckfahnen besorgt. Nachdem die neugefaßte Klage mit den richtigen Seitenzahlen einging, war inzwischen das Buch fertiggedruckt, runter von der Rotation und in einer Nacht gelumbeckt, das war das damals übliche Bindeverfahren, kein perfektes, wirklich. Und wurde in einer Nacht verpackt, an sämtliche Buchhandlungen, so daß es nicht mehr zentral zu greifen war. Im Konzern blieben 80 oder 100 Exemplare zurück. Alle anderen 30000 waren aus dem Haus.

Aber selbst diese großartige Aktion und das Buch führten nicht dazu, daß Globke zurücktrat?

Nein.

Das Buch ist dann aber an ganz anderer Stelle wichtig geworden, nämlich in der Sache Eichmann? Adolf Eichmann, der Leiter des Referats IVB4 (Juden) des Reichssicherheitshauptamtes und verantwortlich für die Deportation der jüdischen Bevölkerung.

Es ging damals um das Eintreten der Verjährung für Mordtaten. Das Hauptziel Adenauers war ein Schlußstrich unter die Nazizeit. Der Philosoph Hans Mayer hatte resümiert, die Bundesregierung habe das deutsche Volk auf drei Mörder reduziert, auf Hitler, Himmler, Heydrich und ein, zwei weitere. Und der Rest seien 59 Millionen Mordgehilfen. Also die einen waren tot, die anderen amnestiert, so dachte sich das die Regierung. Damals war die Verjährungsfrist für Mord 20 Jahre, 15 Jahre für Beihilfe. »Nach dem 8. Mai 1960 geht nichts mehr«, hatte der Bundesjustizminister Fritz Schäffer im Frühjahr flapsig zur Presse gesagt. Das habe ich dann mit einem eigenen Kommentar an die internationalen Agenturen gegeben. Das erschien weltweit. Auch La Prensa, die große Tageszeitung in Buenos Aires, druckte das ab. Ein paar Tage später setzte sich Eichmann das zweite Mal hin, um seine Memoiren zu schreiben. Er hatte es einmal versucht, alleine, und war daran gescheitert. Und deshalb holte er sich diesmal einen holländischen Exkollaborateur dazu, der dort lebte, Willem van Sassen, und brachte mit dessen Hilfe seine Erinnerungen zu Papier.

Das haben wir nie gehört, sind die irgendwo erschienen?

Aber ja. Nachdem Eichmann nach Jerusalem gebracht worden war, hat van Sassen es nicht nur an mehrere Regierungen verkauft; davon bin ich fest überzeugt, ohne daß ich es belegen kann. Er hat es auch an den Time-Life-Konzern verkauft. Und in Life erschienen 1960 Seiten in Eichmanns Handschrift mit den Datenangaben.4 Natürlich war es eine gereinigte Auswahl. Das heißt, es war nichts darin über Beziehungen zu Globke.

Aber ich dachte, Eichmann habe versucht, sich damit zu verteidigen, daß Globke der eigentliche Inspirator der Judenvernichtung sei.

Das war später, in Jerusalem. In Argentinien wollte er erstmal seine Erinnerungen schreiben. All die geflohenen Nazis machten es so wie Eichmann, warteten auf den 8. Mai 1960. Dann wollten sie zurück nach Deutschland und Renten und Pensionen beziehen. Das wurde nur durch den Eichmann-Prozeß verhindert. Robert Servatius, sein Verteidiger, hat jedenfalls mein Buch für Eichmann in Jerusalem besorgt. Ich wußte, daß Eichmann dort in der Zelle noch einmal 30 Seiten mit der Schreibmaschine zu Papier gebracht hatte, 30 oder 40 Seiten über seine Beziehung zu Globke, immer unter Bezug auf mein Buch. Eichmann gerierte sich als kleiner Befehlsempfänger; aber in Budapest etwa hatte er sich über den Befehl Himmlers hinweggesetzt, die Judendeportation einzustellen, damit war er geliefert. Diese 30 Seiten hatte ich aber nie zu fassen bekommen. Als in diesem Frühjahr zwei gute Journalisten zu mir kamen, Jürgen Bevers und Bernhard Pfletschinger, weil sie einen Film über Globke machen wollten,5 der inzwischen im WDR und bei Arte gelaufen ist, da hatte ich ihnen das auch erzählt. Sie haben es tatsächlich gefunden, diese 30 Seiten, im Bundesarchiv unter dem Titel »Alliierte Prozesse«.

Und was ist das Ergebnis dieser Seiten?

Wenn man es sehr knapp zusammenfaßt, ist die es Behauptung, Globke habe über ihm gestanden.

Und war Globke nun Eichmanns Chef?

Globke war vom Rang her ein kleines Licht, aber seine Zuständigkeiten wuchsen immer mehr. Zum 1. September 1939 wurde eine neue Institution eingeführt, die es vorher nicht gegeben hatte, ein Triumvirat über dem Reichskabinett. Das Kabinett hatte sowieso nur noch im Umlaufverfahren getagt, keine geregelten Sitzungen mehr. Dieses neue Triumvirat hieß OKW, GBW und GBV. OKW war natürlich Adolf Hitler, Oberkommandierender der Wehrmacht, GBW war Hermann Göring, Generalbevollmächtigter für die Reichswirtschaft. Ihm unterstanden Wirtschaft, Finanzen, Außenhandel, Rüstung. Und alle übrigen Ministerien unterstanden dem GBV, dem Generalbevollmächtigten für die Reichsverwaltung.

Und wer war der GBV?

Der Reichsinnenminister, erst Wilhelm Frick und dann Heinrich Himmler gegen Ende des Krieges, zu seinen vielen anderen Aufgaben. Der machte das natürlich nicht selbst, sondern der hatte dafür einen Stabschef. Und zum Stabschef beim GBV wurde Stuckart ernannt. Stuckart, der hervorragend nationalsozialistisch bramarbasieren konnte. Und zusammen mit Globke der erste Kommentator der Judengesetze! Stuckart wurde Globke schon bald nach 1933 vor die Nase gesetzt. Mit dem Titel und dem Gehalt eines Staatssekretärs, aber ohne die Kompetenz. Und nach dem 1. September 1939, Kriegsbeginn, wurde er Stabschef beim GBV, und zum gleichen Datum wurde Globke als Generalreferent beim Stabs­chef des GBV »uk« gestellt, und damit war er weisungsberechtigt quer durch die Ministerien!

Das heißt doch, daß der höchste Beamte der Bundesrepublik gleichzeitig einer der höchsten Verwaltungschefs des »Dritten Reichs« im Zweiten Weltkrieg gewesen war?

Ja, es gab zwar noch Leute darüber, zeitweise, aber er hatte es ganz schön weit geschafft. Natürlich ist das ungeheuerlich. Dieses alles war mir vorher schon bekannt. Deshalb habe ich angefangen mit dieser Nazi-Verbrechens- und -Verbrecherkartei, aus der dann die Ausstellung entstand.

Wo ist dieses Archiv heute?

Wenige Reste habe ich noch zu Hause, ansonsten ist sehr vieles in den Friedenauer Hochwassern untergegangen. Als die U-Bahn Bahnhof Zoo Richtung Steglitz gebaut wurde, ist in unseren Kellern alles abgesoffen.

Anmerkungen der Redaktion

1 Stephan Alexander Glienke: Die Ausstellung »Ungesühnte Nazijustiz« (1959–1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, Baden-Baden 2008, Nomos Universitätsschriften, Bd. 20, 350 S., 59 Euro

2 Reichskanzler Franz von Papen setzte das preußische Kabinett unter Otto Braun (SPD) kraft einer Notverordnung ab und ließ sich von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskommissar von Preußen bestellen

3 In der von Konrad Adenauer geführten Regierungskoalition von CDU/CSU und FDP kam es zunehmend zu schwerwiegenden Auseinandersetzungen. Um die Streitig­keiten aufzulösen, wurde das Führungspersonal ausgewechselt: Für Adenauer kam sein Parteikollege Ludwig Erhard

4 Siehe www.einsatzgruppenarchives.com/trials/profiles/confession.html

5 Jürgen Bevers/Bernhard Pfletschinger: Der Mann hinter Adenauer: Hans Maria Globke, Deutschland (WDR/ARTE) 2008, 52 Min.

 

06.03.2009: »Es war eine Bombe« (Tageszeitung junge Welt)

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